Zwischen zwei Schluck Kaffee sagt Dona Dimitrova das B-Wort: »Ja, dies ist der Balkan. Wir sind die, die auf dem Pulverfass sitzen.« Es klingt fröhlich und stolz. Dann ist also Skopje der Ort, auf den alle Finger zeigen, in Slowenien, Kroatien, Bosnien und sogar Serbien, wann immer man nach dem Balkan fragt. Wir doch nicht, das sind die da unten. Die Makedonier können auf niemanden mehr zeigen. Weiter da unten kommt schon Griechenland. Wir sitzen im Café Broz, einem schicken Themenlokal im Westen der Stadt, benannt nach Josip Broz Tito. Hierher kommen die Neureichen, um die Blechtassen zu bestaunen, aus denen ihre Eltern noch tranken. Es ist einer der ersten warmen Frühlingsnachmittage. Die Stühle im Freien sind alle belegt. Haben die Leute nichts zu arbeiten? »Die arbeiten«, sagt Dona. »Beim Kaffee Geschäfte machen ist sehr balkanisch.« Skopjes Altstadt mit der Mustafa-Pacha-Moschee im Hintergrund. Dass die meisten Bürger Christen sind, wir seit vier Jahren durch ein leuchtendes Gipfelkreuz dezent unterstrichen

Ist Dona sehr balkanisch? Auf den ersten Blick nicht. Eine junge Angestellte mit Hosenanzug und kurzem Haar, das hier eine Seltenheit ist. Weltgewandt und verbindlich. Nicht ein bitteres Wort hört man von ihr über korrupte Politiker, historische Demütigungen, feindselige Nachbarn: »Das ist was für alte Leute.« Donas Patriotismus ist Optimismus, ein unbeirrbarer Blick nach vorn. Die 43Prozent Arbeitslosigkeit im Land? »Wer wirklich sucht, der findet auch was.« Die Reibereien mit der albanischen Minderheit, die vor fünf Jahren blutig eskalierten? »Von Scharfmachern hochgespielt. Ich habe viele albanische Freunde.« Dass sie neben ihrer Arbeit bei einer amerikanischen Hilfsorganisation den Haushalt macht und ein kleines Kind aufzieht? »Uns ist die Familie heilig.« Es hindert sie nicht, bis tief in die Nacht Schulter an Schulter mit Freunden zu tanzen. Dona hat Kraft. Wer mit ihr durch die Straßen zieht oder besser: von ihr gezogen wird, der erlebt ein schnelles, vitales Skopje. Vielleicht merkt sie gar nicht, wie anders es für die vielen sein muss, die nicht mit ihr Schritt halten können.

Die Roma-Kinder tragen Dolce & Gabbana

Skopje ist kein Balkan für Anfänger. Es ist arm. Aus lecken Hydranten rinnt Wasser über geplatzte Straßenbeläge. Offene Gullys laden zum Verweilen ein. Ein Streik der Müllabfuhr fiele kaum auf. Aber wer sich davon nicht schrecken lässt, findet Schönheit an den unmöglichsten Stellen. Das Beste ist, man kommt von Westen. So macht es auch der Nationalfluss Vardar, der Skopje teilt. An seinem südlichen Ufer verläuft zweispurig ein neuer, geteerter Weg für die neuen makedonischen Menschen: Skater, Mountainbiker und erste Nordic Walker. Sie haben hier ihre Ruhe. Nur ferner Autolärm verrät die Großstadt. In den kahlen Bäumen des benachbarten Parks sitzen Hunderte von Rabenkrähen. Auf den Bänken knutschen abends junge Paare mit einer Innigkeit, die mehr über den Wohnungsmarkt sagt als jeder Mietspiegel.

An der ersten Innenstadtbrücke endet der Weg. Man meint, in die Kulisse eines Ed-Wood-Films geraten zu sein: Kreuzritter gegen Marsianer. Im Norden thront die Festung Kale über der Altstadt, erbaut vor 1500 Jahren. Gleich gegenüber auf der rechten Flussseite haben die Marsmenschen ihr Hauptquartier errichtet. Die Skopjer sprechen lieber vom Postverwaltungsgebäude; aber das Wort gibt keine Vorstellung von den Ausmaßen dieses Klotzes, einer gewiss 50 Meter hohen und doppelt so breiten Liebeserklärung an den Beton, der hier einmal Stuck spielen darf. Zu den verspieltesten Formen kräuselt er sich auf, zu Türmen mit geschwungenen Zinnen und Bullaugen, deren Scheiben Erinnerungen an eine verflossene Brillenmode wachrufen. Nebenan steht das Ufo, vulgo: das Postamt. Drinnen erblickt man ein Rondell mit 26 größtenteils geschlossenen Schaltern. Wenn man hineinfindet. Der Haupteingang ist in guter sozialistischer Tradition für die Angestellten reserviert.

Schwer zu sagen, wie der Film ausgegangen ist. Beide Seiten haben schwere Verluste erlitten. Überall liegt Schutt; viele Straßenlaternen sind aufgeschlagen wie Frühstückseier. In Wahrheit freilich wurde um Skopje schon lang nicht mehr gekämpft. Schuld am maroden Stadtbild trägt das Erdbeben von 1963, bei dem über tausend Menschen starben. Zwar flossen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges reichlich Spenden, weil West und Ost das blockfreie Jugoslawien umwarben. Doch mit ihnen setzte sich auch der vulgärfuturistische Baustil jener Zeit fest, und das Postgebäude ist sein stolzester Ausdruck.

Zwei Querstraßen weiter liegt der alte Bahnhof. Die eine Hälfte ist heute Museum, die andere noch immer Ruine. Um 5.17 Uhr am Morgen des Bebens blieb die Bahnhofsuhr stehen. Jahrelang wurde sie nicht repariert und schließlich zum Mahnmal erklärt. Zwar bleibt dem Spaziergänger nicht lang verborgen, dass kaum eine Uhr richtig geht. Aber auch das hat womöglich einen tieferen Sinn. Denn tatsächlich lebt Skopje in verschiedenen Zeiten. Über die Straße mit dem blitzblanken neuen Einkaufszentrum kleppern Pferdegespanne der Roma. Man trifft Basarhändler, die in Schuhkartons auf dem Bordstein DVDs von Filmen anbieten, die im örtlichen Kino noch lange nicht laufen. Und man gerät an junge Männer wie Almir, zu dessen diversen Berufen auch ein Shuttle-Service für Touristen gehört. Die schwere Mercedes-Limousine ist seine, sagt er. In der Ablage liegen zwei Handys. Wenn er auf beiden spricht, lenkt er mit den Ellenbogen. Seltsam, gerade aus seinem Mund das alte Lied zu hören: »Früher in Jugoslawien war alles besser.«

Viel von dem, was man in dieser Stadt erlebt, wirkt hinterher wie geträumt. Doch auch der Balkan hat natürlich seinen Alltag. Wie Skopje klingt? Laut und lebendig. Man kann die Tageszeit hören: Hupen am Morgen, tagsüber Baulärm, abends türkischen Dudelpop und Hundekonzerte in der Nacht. Wie Skopje riecht? Nach Auspuffgas, Holzfeuer, aber mit etwas Fantasie auch nach dem Wald und den Bergen ringsum. Wie es sich kleidet? Der Balkanmix: schwarze Kunstlederjacken; Armeewesten; mehr oder minder echte Designermode mit riesigen Markenemblemen; Anzüge gerade bei den Armen, der letzte Faden zur Bürgerlichkeit. Zu kaufen gibt es die ganze Palette im Roma-Dorf am Nordrand der Stadt – so billig, dass selbst die Kinder dort Dolce & Gabbana tragen.