André Heller, schwarz gekleidet, sitzt in seiner Wiener Wohnung, die mehr ein Palais ist als eine Wohnung, und isst Huhn mit Reis und viel Gemüse, etwas Leichtes, zubereitet von seiner philippinischen Hausangestellten, mit der er Englisch spricht. Heller erzählt von einem neuen Projekt, über das man noch nicht wirklich reden darf, vielleicht nur so viel: Es soll um eine Art Arche Noah gehen, in einer großen Stadt irgendwo in Asien. BILD

Er steht auf, geht zu einem kleinen Holztisch, auf dem 20, 30 Fläschchen und Döschen stehen, alles Medizin, Tropfen, Pülverchen. Ein bisschen umständlich nimmt er davon was und davon. "Ich lass mich jetzt von meinen Hypochondrien heilen", sagt er, "obwohl es wohl chancenlos ist, wir sind schon zu verkeilt, meine Hypochondrien und ich." Ein kolumbianischer Schamane habe ihm das alles zusammengestellt, sagt Heller. Der sei gerade zu Besuch hier. Heller zeigt mit dem Finger nach unten: Ein Stock tiefer würde der gerade arbeiten, "er behandelt Freunde von mir".

Man kann sicher festhalten, dass André Heller mit dem Leben etwas anders umgeht als andere. Dass er manchmal das Schrille sucht und auch ausstellt, das Glitzernde, das Magische, das Schöne. Er sagt, er tue dies, weil er das normale, bleierne Leben oft nicht ertrage, das Grobe, das Fantasielose, "ich stelle meine Wirklichkeit dagegen".

Vielleicht war dieser geschätzte zehn Millionen Euro teure Crash zwischen André Heller und dem Weltfußballverband Fifa einigermaßen zwangsläufig. Die Funktionärswelt des Fifa-Bosses Joseph Blatter: Bürokratie, Korruptionsvorwürfe, Macht. Es ist die Welt der Hinterzimmer, der Winkelzüge. Der Schweizer Blatter und seine Truppe wollen niemals zeigen, was sie eigentlich genau machen. Der Österreicher Heller sucht die Massen, das Licht der Öffentlichkeit. Das sollte funktionieren?

Das Ende ist jedenfalls ein weißer Fußball, der seltsam fremd auf einem Tisch in seiner Wohnung liegt, zwischen Kunstwerken aus der ganzen Welt, Fotos, Bildbänden, kleinen Skulpturen. 12776-mal hat die Fifa diesen Fußball verschickt, an alle freiwilligen Helfer, die bei der Eröffnungsfeier im Berliner Olympiastadion mitmachen wollten und teilweise schon wochenlang geprobt hatten. In einem beiliegenden Brief wird die "bedauerliche" Absage erklärt, weil die Rasenqualität im ersten Spiel "leider" nicht garantiert werden könne. Auf dem Fußball steht: "Vielen Dank". Hier, in Hellers Palais, in dem einst Mozart und Schubert musiziert haben, wirkt dieser Ball wie ein Ufo, runtergefallen von einem rätselhaften Stern.

Wir hatten uns in den letzten eineinhalb Jahren immer wieder getroffen, Ziel war es, das Projekt Eröffnungsgala journalistisch zu begleiten. Einer Gruppe Künstlern bei der Arbeit zuzuschauen. Nun das abschließende Gespräch, und das Thema ist: "Das Scheitern und die Gelassenheit". Schon am Telefon erzählte Heller von einem befreundeten Maler, der ihn vor vielen Jahren porträtierte und auf das Bild den Satz schrieb: "Nie, was man will. Immer, was wird." Den Satz habe er damals nicht akzeptiert, "nach dem Motto: Es hat zu gehen, was ich will", aber, na ja, heute sei er diesem Satz schon sehr nahe. Er muss lachen. Jetzt erzählt er erst mal lieber weiter von dem Schamanen aus Kolumbien, von dessen besonderen Fähigkeiten. "Eines seiner Spezialgebiete ist der Abschied." In Kolumbien werden Leute wie er zu Sterbenden gerufen, um nachzuschauen, ob man ihnen helfen müsse, überzusiedeln. Heller sagt, es sei in diesen Ländern ganz selbstverständlich, dass es im Leben viel mehr gibt als das, was wir im Westen sehen und für Wirklichkeit halten.

Es ist gar nicht so einfach, gegen solche Geschichten anzukommen. Sein Interesse zurückzulenken auf Namen wie Joseph Blatter oder Urs Linsi, den Generalsekretär der Fifa. Es dauert also ein bisschen, bis André Heller von seinen "gnadenlosen" Rückenschmerzen erzählt, die er in Zürich bekam, am Morgen nachdem ihm die Absage der Gala mitgeteilt worden war. "Ich hatte dieses Feuer im Rücken, und mir wurde augenblicklich klar, ich darf mich nicht länger in dem Gedanken aufhalten, ich und viele andere haben jetzt fast zwei Jahre an Ideen gearbeitet, die nie zu sehen sein werden." Manche Menschen seien gut im täglichen Gießen ihrer Probleme, die machten das zu ihrem Lebenszweck. "Man kann beispielsweise sein ganzes Leben damit verbringen, unglücklich verliebt zu sein. Ich kenne einige, die seit Jahrzehnten in die Ungeeignetste verliebt sind. Sie trommeln dauernd an die Tür und übersehen, dass sie völlig andere Prioritäten hat. Verstehen Sie, es ist eine Methode, nicht wirklich leben zu müssen."

Rückblende, ein Berliner Wintertag im Januar 2005. Wir saßen im Foyer des Hotels Adlon. André Heller erzählte von einem Gespräch mit einem Spitzenpolitiker. Sie beide gingen spazieren in Hellers tropischem Garten in Gardone am Gardasee. Der Politiker sagte plötzlich, eigentlich müsse er, Heller, ihn doch verachten für seinen Lebensweg. Heller widersprach, wie er denn da drauf komme, das Gegenteil sei der Fall. Der Mann erklärte, was er meine: Er habe in seinem Leben vieles, vielleicht alles, darauf ausgerichtet, in der Politik ganz nach oben zu kommen, er habe im übertragenen Sinn lebenslang an der Tür des großen Amtes gerüttelt. So ein Lebenskonzept, das Gegenteil jeglicher Spontanität, müsse doch ein Künstler wie Heller ablehnen. Danach hätten sie sich noch eine Weile darüber unterhalten, was es heutzutage heißt, ein kompletter Mensch zu sein, was es bedeutet, synchron mit seiner Seele zu leben. Heller saß im Adlon und trank Tee. Es gebe eine kleine Frage, sagte er, die besonders die Mächtigen und Erfolgreichen zum Nachdenken bringe: Hat es sich gelohnt? Heller sagte dann noch, er verstehe nicht, warum in den Medien meist auf sehr ähnliche Weise über Politiker berichtet werde. Dass man das Dramatische, Komödiantische, manchmal Shakespearehafte, aber auch Loriothafte nicht öfter beschreibe.