Ob Zwerge sich um Reförmchen balgen oder Riesen ins Rad der Geschichte langen, das macht im Grunde keinen Unterschied. Solange man nicht über Proportionen spricht. Sprechen wir über Proportionen. Anders lässt sich die neue Entwicklung der Großen Koalition nicht erklären.

Kurt Beck wird Vorsitzender der SPD. Am Montag hat er schon mal eine Kostprobe gegeben und die Programmdebatte eröffnet. Es war die schwächste, gehaltloseste Grundsatzrede seit Jahrzehnten. Zugleich verlor Beck auf der Bundesbühne sofort seine in Rheinland-Pfalz so gerühmte Bodenhaftung und erging sich in einem für Normalbürger völlig unverständlichen Politikerjargon. Und inhaltlich? Beim vorletzten Versuch der SPD, eine Grundsatzdebatte zu führen, drohte der damalige Generalsekretär Scholz noch damit, den "demokratischen Sozialismus" aus dem Programm zu streichen. Beck hingegen versucht, die SPD in einen beruhigenden "Sowohl-als-auch-ismus" zu wickeln. Mit etwas mehr Staat.

Man kann zur ewigen Sehnsucht der Sozialdemokratie nach Sinn stehen, wie man will – ohne dieses Sehnen fehlt der deutschen Politik etwas. Der Wechsel von Matthias Platzeck zu Kurt Beck ist insofern alles andere als ein Zeichen von Kontinuität, wie das die SPD von sich selbst und auch die Union in großkoalitionärer Schummelsolidarität behauptet. Dieser Wechsel ist eine Zäsur und eine Reduktion. Das Lächeln von Matthias Platzeck schien immer noch zu sagen, dass alles möglich ist auf dieser Welt. Seine Ost-Biografie und seine eigene Sprache ließen darauf hoffen, dass Politik mehr ist als Pragmatismus und Verwaltung. Nun hat die Sehnsucht der Sozialdemokratie nach Vision und Charisma endgültig keine Bezugsperson mehr in der Parteispitze. Brandt, Wehner und Schmidt besaßen das eine oder andere im Übermaß. Lafontaine hatte auch noch etwas davon, Schröder und Müntefering ebenfalls. Selbst in Matthias Platzeck glühte etwas davon nach. Erst unter Kurt Beck droht die vollständige Profanisierung sozialdemokratischer Politik.

Wenn es wenigstens eine starke Opposition geben würde!

Das kann man dem Mann nicht anlasten, der in seinem Land ja vernünftige Politik macht. Er kann und will im Bund auch nur moderieren. Aber wen? Wo sind in der SPD die geistigen Energien, die der Moderation bedürfen? Offenkundig ist die personelle Auszehrung der Politik, die vor vielen Jahren in den Kommunen begann, nun oben angekommen. Bei der SPD etwas eher als bei der Union.

Doch ist der charismatische Verlust überhaupt von Übel? Hatte man die neue Regierung nicht zu Anfang gerade dafür gelobt, dass sie um sich selbst weniger Aufhebens machte als ihre Vorgänger? Doch, das hat man, zu Recht. So wie von den beiden angeschlagenen Partnern vernünftigerweise keine raschen Riesenreformen verlangt wurden. Die Gesundheitsreform beispielsweise wurde in der Koalitionsvereinbarung zunächst ausgeklammert, damit sie später umso größer werden könnte. Jetzt ist später. Und was hört man? Zwei Konkretisierungen wurden bisher bekannt, eine von Ulla Schmidt (SPD) und eine von Volker Kauder (CDU). Beide nehmen sich nur noch wenig vor. Von Kostensparen ist kaum die Rede, von einer spürbaren Senkung der Lohnzusatzkosten auch nicht, und die Gerechtigkeit besteht vor allem darin, dass SPD und CDU von ihren ursprünglichen, radikaleren Vorstellungen gleich wenig durchbekommen. Die Erfinder dieser Minimodelle werben dafür mit dem kuriosen Argument, durch so einen Kompromiss würde bloß eine Deckungslücke geschlossen, ansonsten bliebe alles offen – für später.

Später wird allmählich zu einem recht beliebten Zeitpunkt in dieser Regierung. Dennoch dürfte die Koalition, die sich die große nennt, ihre Agenda mit etwas Verzögerung doch noch abarbeiten. Aber wie entschlossen, konsistent und wirkungsvoll der Mindestlohn, die Unternehmensteuer oder eben die Gesundheitsreform werden, das steht in den Sternen. Zu Beginn haben sich die Koalitionäre vorgenommen, nicht nur kleinste gemeinsame Nenner zu suchen, sondern gemeinsam dritte Wege zu gehen. Versuchen sie das überhaupt noch?

Auch die Grundlinien verwischen. So hatte die Koalition geplant, in diesem Jahr massiv in die Neuverschuldung zu gehen, um die Konjunktur so sehr zu stärken, dass sie die 2007 anstehende Mehrwertsteuererhöhung von drei Prozentpunkten (plus Beschneidung der Pendlerpauschale) schadlos übersteht. Nun werden immer neue Steuererhöhungen ins Gespräch gebracht, von der Union als Gesundheitssoli, von der SPD ganz allgemein. Soll so die fragile Binnenkonjunktur angefacht werden?

Einige Monate lang schwankte die Koalition, wie viel sie sich vornehmen soll. Nun hat offenkundig eine gewisse Selbstverzwergung eingesetzt. Wenn es wenigstens eine starke Opposition gäbe! Doch dringen Grüne, Linke und Liberale nicht durch. Was wiederum die Frage nach den Medien aufwirft. Sie, also wir, haben im vergangenen Jahr den Mund politisch etwas zu voll genommen und sind bescheidener geworden. Zu Recht – aber vielleicht zum falschen Zeitpunkt. Denn die Große Koalition versucht nicht nur, ihre Agenda als die einzig mögliche und nötige darzustellen, sie möchte auch bestimmen, was groß ist und was klein.

Erschreckend gut gelungen ist das in der Causa Beck/Platzeck. Gleich nach der Staffelübergabe riefen in den Blättern die einen in gewohnter Gemeinheit einen Machtkampf in der SPD um die Kanzlerkandidatur aus, so als ob es nicht um das letzte Aufgebot ginge, sondern um den nächsten Aufbruch. Andere beschrieben gewohnt akribisch, wer über den Rückzug Platzecks wann informiert wurde, um daran zu messen, wer denn real Einfluss habe in der SPD. Ergebnis: Generalsekretär Heil wurde erst am Sonntag informiert, hat also nicht so viel Macht, wie alle gedacht hatten. Oha! Wie gesagt,es macht keinen Unterschied, wie groß die Akteure sind, solange die Mechanismen die gleichen bleiben.

Ein Handicap der Medien besteht darin, dass sie kaum in der Lage sind, unabhängig von der Politik eigene Themen zu setzen. Wenn wir auch noch anfangen, unsere Maßstäbe zu Zahnstochern zu verarbeiten, nur weil die Politik schrumpft, dann wird es bedenklich. Wenn man die Große Koalition beurteilen will, können die Ziele, die sie sich selbst setzt, nicht das Hauptkriterium sein. Maßstab ist die Wirklichkeit. Und da gilt: Die Politik, die gemacht wird, muss ungefähr so groß sein wie die Probleme, die wir haben. Und so schnell, wie diese wachsen.

Deutschland hat den Jetlag nach der Einheit noch nicht aufgeholt