Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat sich den Big Brother Award redlich verdient, den ihr der Chaos Computer Club verliehen hat. Das aberwitzige, milliardenteure Projekt der elektronischen Patientenkarte wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgekungelt. Mir schwant, dass nicht das Wohl des Patienten im Vordergrund steht, hier haben sich die Lobby der IT-Geschäftemacher und die Instanzen mit Überwachungs-Vorlieben und Kontrollinteressen zusammengetan. Die würden natürlich bei so einfachen Lösungen wie einem Patienten-Tagebuch leer ausgehen. Und diesen bürokratischen Wasserkopf sollen die Patienten bezahlen? Neben den beunruhigenden und anscheinend unlösbaren Datenschutz-Problemen bedeutet es auch einen weiteren Siebenmeilenschritt hin zur Technisierung der Arzt-Patient-Beziehung: Der Patient wird seine Krankengeschichte nicht erzählen müssen oder können - denn der Arzt guckt schon in seinen Computer, aus dem er alles erfährt. Der Arzt selbst wird auch völlig austauschbar - der Kollege hat ja dieselben Informationen (vermutet der flexible Patient). Ich werd den Deubel tun und irgendetwas freiwillig einspeichern lassen!!

HANNELORE TÜMPEL, WESTERHOLZ

Für Ihren Artikel möchte ich Ihnen als Hausärztin meinen großen Dank aussprechen. Die Ärzteschaft steht der E-Card mit großer Mehrheit sehr skeptisch gegenüber. Auf dem Ärztetag hat die Karte selbst unter Funktionären nur eine ganz knappe Mehrheit erhalten. Das Projekt wurde - wie so oft - über Jahre im kleinen illustren Kreis entwickelt - ohne die wirklich Betroffenen einzubeziehen. Dafür war der Berater-Guru Berger mit dabei! (Wenn man alle gesellschaftspolitischen und volkswirtschaftlichen Kollateralschäden von Beratern einmal addieren würde, wären sie hoffentlich out!)

Viele Fragen der Alltagspraktikabilität sind nicht gelöst, da die Informatiker natürlich wenig Ahnung vom bürokratischen Alltagswahnsinn einer deutschen Arztpraxis hatten. Notfälle, Hausbesuche, Rezeptbestellungen per Telefon, Betreuungen im Pflegeheim et cetera - die ganze E-Rezept-Philosophie führt hier zum so genannten fall back-Mechanismus mit antiquarischem Papierrezept!

Im Übrigen wird das größte zu erwartende Problem in der Unvollständigkeit der Karte liegen.

DR. SUSANNE BLESSING, TÜBINGEN