Auf eine Zeitreise fühlt man sich geschickt. Aber in welcher Epoche wird man aufwachen? Lauscht man der Debatte über die "Integration der Zuwanderer, aber hoppla!", über das angeblich zu milde "Ehrenmordurteil", über die "Stigmatisierung" Brandenburgs durch den Verdacht auf rassistische Straftaten in Potsdam, über Leitkultur, den Hundert-Fragen-Kanon oder das christlich definierte "Bündnis für Erziehung" – dann sieht man sich jedenfalls sehr weit zurückversetzt. Nein, nicht bloß schlicht hinter 1998 und die rot-grüne Ära, das wäre noch harmlos, sondern zurück hinter die Kanzlerschaft Helmut Kohls, zurück in die frühen Jahre der Republik (West). Differenzierung ist notwendig BILD

Alarmismus? Unmittelbar hängt das alles ja gar nicht miteinander zusammen. Die Politik ermuntert nicht potenzielle Schläger, Dunkelhäutige in Brandenburg halb tot zu schlagen. Seine abenteuerliche Bemerkung, auch "Blonde" und "Blauäugige" könnten Opfer von Überfällen werden, als lauerten schwarze Schlägerbanden den Weißen auf, hat Wolfgang Schäuble locker aus dem Protokoll gestrichen – "das wäre auch anders gegangen, da haben Sie Recht, das hätte ich nicht mit den beiden Begriffen beschreiben müssen." Na bitte!

Und Ursula von der Leyen lädt auch nicht die beiden christlichen Konfessionen zum "Wertegipfel", um latent islamophobe Ressentiments zu nutzen oder zu schüren. Vielleicht hat sie es, ganz trivial, für "taktisch" klug gehalten, den Parteikonservativen Zucker zu geben, die das Elterngeld für Väter doch als arge Zumutung empfinden. Ihr ging es, gut gemeint, sicher nur um die "Familie". Aber sind Scheuklappen, die blind machen für ein aufgewühltes Europa zwischen Frankreichs Banlieus und Dänemarks rechtspopulistischen Zündeleien, wirklich eine Entschuldigung?

Also – vom Schicksal des Potsdamer Mannes im Koma mal abgesehen, wäre alles ganz harmlos und im grünen Bereich, und der Rest ist, mit Schäuble zu sprechen, "Betroffenheits- und Erregungsrhetorik"? Mit Verlaub, nein. Es braut sich mehr zusammen.

Es ist keine kleine Nettigkeit, sondern ein vernichtendes Urteil über die Politik einer ganzen Eltern- und Pädagogengeneration, was beispielsweise Ursula von der Leyen heraussprudelt: Mit 14, 15 Jahren könnten Kinder nicht "aus dem Nichts heraus" gefestigte Haltungen haben, wenn sie zuvor "in Beliebigkeit gelebt haben". Dagegen hält sie demonstrativ die Zehn Gebote, "die im Prinzip die Artikel des Grundgesetzes zusammenfassen". – "Wenn wir nicht anfangen, unseren Kindern bestimmte Werte in der Erziehung mitzugeben, dann nehmen wir ihnen später große Chancen", legte sie im Spiegel noch nach. Anfangen bei null? Heißt das, dass die Kinder bislang – von der libertären 68er-Generation? – den Gefährdungen der Moderne zum Fraß vorgeworfen wurden, wertneutral, amoralisch, buchstäblich verantwortungslos?

Schon ein paar selbstkritische Rückfragen jedenfalls hätten diesen Versuch eines Comebacks der Kirchen an der Seite Ursula von der Leyens glaubwürdiger gemacht. Und dass es zur Implosion an der Berliner Rütli-Schule nicht gekommen wäre, wenn man der Sittenverwilderung durch moralische Aufrüstung beizeiten vorgebeugt hätte, soll ja wohl hoffentlich nicht behauptet werden.

Von der Leyens "Wertegipfel" fehlte jedes Fingerspitzengefühl

Politisch peinlicher freilich war anderes: Auf die Frage, weshalb andere Religionsgemeinschaften und Verbände nicht eingeladen seien zum Gipfel, erwiderte Ursula von der Leyen nämlich, das solle im Herbst noch folgen, zunächst aber gehe es darum klarzustellen, dass unsere gesamte Kultur "auf christlichen Werten basiert". Erst eine solche Selbstvergewisserung des Eigenen mache ein wirkliches Gespräch mit Andersdenkenden möglich. Die Tür für diese "steht weit offen". Wirklich? Nur eine Spur von Fingerspitzengefühl, und der "Wertegipfel" hätte, wenn er schon sein soll, ganz anders aussehen müssen. Nein, einen unglücklicheren Moment für einen derartigen verschleierten Ausschließlichkeits- oder sagen wir: Auserwähltheitsanspruch hätte man sich kaum aussuchen können nach dem Karikaturenstreit, der Wertekanon-Debatte über die schwer erziehbaren "Muslime", vor denen all unsere großartigen Integrationsbemühungen versagen.

Befreit atmete man auf in den siebziger Jahren als junger Journalist, ich jedenfalls möchte es so von mir sagen, als der Mainzer Unionspolitiker Kohl, sekundiert von engagierten katholischen und protestantischen Parteifreunden wie Heiner Geißler und Richard von Weizsäcker, das C im Parteinamen endlich relativierte. Gespeist allerdings war dieser Teilrückzug aus der heimlichen Idee, das "Christliche" in die Jetztzeit hinüberzuretten, da nicht viel von ihm bleibe, wenn es sich auf die Wertepluralisierung einer modernen Gesellschaft und auf die Modernitätszwänge einer säkularen Epoche nicht einlasse, dafür aber die Politik bevormunde – und sich selbst unglaubwürdig mache, weil Politik nun einmal permanent mit den hehren Maßstäben kollidiert. Das C also sollte nicht eskamotiert werden, sondern es ging darum, sich in einer Welt pluralisierter Normangebote mit vielen "Anbietern" geordnet zurückzuziehen. Bescheidenheit aus Klugheit.