Was ist der ZEIT und dem Gesprächsleiter Peter Kümmel denn da gelungen? Mir heute Fünfzigjährigem, der ich in den siebziger Jahren bei Endspiel eher an Fußball, bei glücklichen Tagen nie an Beckett dachte und im Theaterjugendring der Städtischen Bühnen Münster mehr auf das Ende der Vorstellung als auf Godot gewartet habe, erschließt sich eine ganz persönliche Wirkungsgeschichte des vor hundert Jahren geborenen Schriftstellers. Dank für diese Hommage an einen Menschen, dessen Strahlkraft erst in seiner prägenden Langzeitwirkung auf Schauspieler, die mit Beckett gearbeitet haben, deutlich wird! Das Faszinosum Beckett nicht als Historie, sondern als Reflexion mit Zeitzeugen. Welch ein Gespräch!

THOMAS LINS, WARENDORF

Als ich vor einem Jahr mein Abitur machte und auch Warten auf Godot las, hatte ich keinen Schimmer, dass ich es sein sollte, der als Wladimir und Estragon dem Warten erliegt. Ich hatte kein Verständnis für Beckett und keins für meine Situation. Evelyn Finger verdanke ich meine Bewusstwerdung als Repräsentant meiner Generation. Jetzt erst begreife ich die Bedeutung dieser Beckettschen Aktualität. Sie haben ja so recht: Wir leben tatsächlich im doppelten Konjunktiv - wir würden hoffen, wenn es Hoffnung gäbe. Doch unser Warten wird nie befriedigt werden, solange sich die Wirklichkeit nicht ändert.

Auch Ihr Bezug zu Kafka trifft den Nagel auf den Kopf: Wir sind den alles bestimmenden Umständen des Kapitalismus, gleich Joseph K. dem Gericht in Kafkas Prozess, hoffnungslos ausgeliefert. Und Sie, Herr Jessen, haben (leider) ausnahmsweise nicht weit genug gedacht, denn auch wenn wir (Dauerpraktikanten) alles verweigern, die politische Tat ebenso wie die Legitimation der herrschenden Gesellschaft, dann werden wir trotzdem gezwungen, uns in ihr zu bewegen. Unsere Wirtschaftsform in ihrer menschenverachtenden Ausprägung sowie das politische System, das diese gewähren lässt, bilden den Rahmen, innerhalb welchem wir feststecken. Wenn wir alles beim Alten belassen, wird eine Generation nach der anderen wartend dahinvegetieren.

Also müssen wir revoltieren, unser Leben dem Fatalismus entreißen, nach anderen Wirklichkeiten suchen, uns der Realität nicht bloß verweigern, sondern uns gegen diese auflehnen. Auch wenn Beckett omnipräsent ist, und das ist er, heißt dies nicht, dass er das letzte Wort haben muss. Au contraire: Wozu hält er uns denn überhaupt den Spiegel vor, wenn nicht dazu, dass wir unser oktroyiertes Schicksal erkennen können, um uns dagegen zu wehren? Hat er nicht erschreckend exemplifiziert, wie ein Warten in der Negation aussieht?

Auch wenn ich als einer unter vielen immer noch warte und nicht weiß, wie ich in unserer seltsam enttäuschenden Gesellschaft handeln, geschweige denn leben kann, begreife ich meine Situation doch mehr und mehr. Das treibt mich an, dieser Falle irgendwie zu entgehen zu versuchen. Was schrieb Thomas Assheuer noch vor einiger Zeit: Alle Philosophie beginnt mit Enttäuschung.

LENNART SCHULTZ, NUTHE-URSTROMTAL