Unsere Tochter Leonie ist nur einen Monat älter als Anna - und geht hier in Washington, D. C., seit letztem September auf eine öffentliche Schule. Die Schulpflicht beginnt in den USA mit fünf Jahren, hier in D. C. sogar schon mit vierdreiviertel Jahren.

Die Schule könnte Leonie keinen größeren Spaß machen. Die Buchstaben und einzelne Wörter konnte sie schon von der Vorschule. In diesem Schuljahr hat sie angefangen, ganze Sätze eigenständig zu schreiben. Ihre Orthografie ist natürlich merkwürdig, aber was die Lehrerinnen hier fördern, ist die Freude am Schreiben. So durfte Leonie in der Klasse ihren Geburtstag nachfeiern. Die Kinder schrieben auf (beziehungsweise ließen zu diesem Zeitpunkt noch überwiegend schreiben), was sie am Geburtstagskind mögen. I like Leonie because she is my friend - diese zarten Liebesbeweise bekam das Kind zusammengeheftet mit nach Hause. Die Kladde kann sie inzwischen selber lesen und kramt sie immer wieder gerne hervor.

Ihre Mitschüler und sie haben in den vergangenen Monaten keine toten Zeichen gepaukt, sondern gelernt, dass man sich mit Schreiben gegenseitig eine Freude machen kann und dass man vom geschriebenen Wort noch lange zehren kann.

Emotionales und intellektuelles Lernen schließen sich nicht aus.

SUSANNE SCHIFFLER, WASHINGTON, D. C.