Während die katholische Welt dem Kinostart des Da Vinci Code schon hasserfüllt entgegenfiebert, hat der Autor Dan Brown, dessen Bestseller Sakrileg die Vorlage lieferte, jetzt schnippisch erklärt, er wolle über die strittigen Ketzereien (Sex Jesu mit Maria Magdalena und so weiter) nicht mit der Kirche diskutieren. Das ist eine gute Nachricht. In diesen Zeiten hysterisch-demokratischer Streitkultur muss man für jede ausgefallene Debatte dankbar sein. Ein britischer Priester, so Brown, habe ihm gesagt: "Das Christentum hat Galilei und Darwin überlebt, es wird ganz bestimmt auch Dan Brown überleben." An diesem weisen Priester sollte sich auch der Vatikan orientieren, der kurz davor steht, sich in eine fruchtlose Diskussion über den albernen Fernseh-Comic Popetown zu verstricken. Das Papsttum hat die Reformation und die Pille überlebt, es wird auch die Exzesse des Unterhaltungsfernsehens überleben.

Ähnliches gilt für den Umgang mit den Zumutungen der Kunst, insbesondere wenn es sich um Installationen im Stadtraum handelt. Wer mit den Künstlern diskutiert ("Würden Sie das eventuell hier bitte wieder wegräumen?"), hat schon verloren. Wer aber schweigend randaliert, schafft es bis in die Medien. Nach diesem Erfolgsmuster verfuhren die Kölner Jungs, die letzte Woche Teile einer Müllskulptur des Aktionskünstlers HA Schult nächtlich entsorgten. Leider hört man auch, sie hätten sich vorher Mut angesoffen. So haben sie zwar die drohende Kunstdebatte vermieden, aber zugleich die Gefahr einer Alkoholismusdebatte heraufbeschworen.

Bitte, liebe Medien, bitte, bitte nicht! Keine Diskussionen, keine Experten, keine Interviews! Man stelle sich zur Abschreckung nur einmal die Imagekampagne vor, mit der die Getränkeindustrie auf eine Alkoholismusdebatte reagieren würde. Ganzseitige Anzeigen mit dem Slogan "Du bist Alkohol", dahinter die Köpfe von Goethe, Schubert, Joseph Roth, den legendären Trinkergenies der deutschen Kultur, "Auch du kannst es schaffen, auch du kannst E.T.A. Hoffmanns Gespenster sehen, der erste Schnaps ist immer der schwerste" – und so fort. Wollen wir das? Wollen wir die unvermeidlich sich anschließende Christiansen-Runde mit Gesundheitsministern, Messweindienern und einem alkoholisierten Schnellmaler als Experte? "Ich trinke, weil ich ins Fernsehen will"?

Nein, das wollen wir nicht. Wer das Gespräch sucht, kommt darin um. Nirgends zeigt sich das deutlicher als bei den Nürnbergern, die durch rein kommunikatives Nörgeln die Kunstverhüllung ihres berühmten Schönen Brunnens aufhalten wollen. Vergeblich maulen sie gegen die Olympiastadionsitze, die sich als Tribut an die Weltmeisterschaft um das mittelalterliche Bauwerk ranken sollen. Was ließe sich auch dazu sagen? Stadionsitze gehören nach alter Fußballsitte zerkloppt und nicht diskutiert. Wer nicht randaliert, dem bleibt nur der Trost: Nürnberg hat die Reichsparteitage überlebt, es wird auch die Fußball-WM überleben.