An vielen Orten – aber ganz besonders in Wien – herrscht das starke Bedürfnis, Sigmund Freud als Genie und Held zu feiern. Selbst bei seinen Kritikern genießen die kulturelle Bedeutung seines Werkes und die Integrität seiner Persönlichkeit Hochachtung. Freud, diese Ikone, dient dem Land als Werbeträger und touristische Attraktion. Weniger ins Gewicht fällt bei der lokalpatriotischen Vermarktung das Schicksal des Juden Freud.

Mit der Psychoanalyse selbst, seiner eigentlichen Schöpfung, tut man sich immer noch schwer in Wien, trägt sie doch in ihrem Kern gerade das wieder an uns heran, was wir mit aller Macht aus unserem Bewusstsein verdrängt haben. Die Stadt, die als Wiege der psychoanalytischen Bewegung einst auch deren Zentrum war, befindet sich nun aber auf gutem Weg, zumindest einen Teil ihrer früheren Bedeutung wiederzuerlangen. Nur langsam ist Freuds Lehre heimgekehrt aus dem Exil und hat sich hier wieder niedergelassen. Verankert ist sie heute auf der ganzen Welt. Die moderne Landkarte der Psychoanalyse kennt heute viele Zentren und, mit Ausnahme von Afrika und weiten Teilen Asiens, nur wenige weiße Flecken.

Freuds Methode konnte in der etablierten wissenschaftlichen Welt kaum Fuß fassen

Freuds Methode war revolutionär, sie hat einen Bereich der wissenschaftlichen Erkenntnis zugänglich gemacht, der ohne sie nicht erforschbar wäre: das Unbewusste. Trotz großer Widerstände und Anfeindungen fand die neue Wissenschaft und Behandlungsmethode bald nach der Jahrhundertwende überraschend schnell Verbreitung. Da sie innerhalb der etablierten akademischen Welt nicht Fuß fassen konnte, entwickelte sich früh ein unabhängiges Netzwerk: Hervorgegangen aus der legendären Mittwochgesellschaft in der Ordination des Seelenforschers, konstituierte sich 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung zur Pflege und Förderung der von Prof. Dr. Sigmund Freud in Wien begründeten psychoanalytischen Wissenschaft. Sie steht Modell für die inzwischen in vielen Ländern tätigen psychoanalytischen Gesellschaften, die sich 1910 in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) zusammenschlossen. Bis heute erfüllen sie die ihr von Freud zugedachten Aufgaben.

Wo Freud lebte, war auch das Zentrum der internationalen Bewegung. Die Welt pilgerte zu ihm nach Wien in die Berggasse 19. Aber Freud sah die Psychoanalyse in Wien nicht gut aufgehoben, er war auf der Suche nach einem Ort mit besseren Bedingungen, von dem aus dereinst ein Nachfolger seine Arbeit fortführen sollte.

Seine Suche führte ihn zunächst nach Zürich zu dem Erforscher der Schizophrenie, Eugen Bleuler, und zu dessen Assistenten Carl Gustav Jung. In der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli hatte man früh die Bedeutung der Entdeckung des Wiener Kollegen erkannt. Die Verbindung in die Schweiz versprach Schutz vor antisemitischen Angriffen und den Anfeindungen der akademischen Ärzteschaft, aber auch Zugang zu einer Universität. Von Zürich aus öffnete sich für Freud das Tor nicht nur zur alten, sondern auch zur neuen Welt. Das Verhältnis zu Jung wurde jedoch zunehmend schwierig, bis es 1914 zum endgültigen Bruch kam.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hoffte Freud in Budapest einen Standort für seine Lehre zu finden: Mit Sandór Ferenczi, einem seiner kreativsten Schüler, und dem Industriellen Anton von Freund als Geldgeber schien die Errichtung eines ersten klinischen Zentrums in greifbarer Nähe. Der Tod des Mäzens und der politische Umsturz durch den autoritären Admiral Horthy bereiteten auch diesem Projekt ein Ende. Schließlich konnte dank der Finanzierung durch Max Eitingon, einen von Freuds engsten Vertrauten, in Berlin eine erste psychoanalytische Poliklinik mit einem integrierten Ausbildungsinstitut eröffnet werden. Karl Abraham, ein weiterer Bleuler-Assistent, der zu Freuds innerem Kreis in Wien zählte, war bis zu seinem frühen Tod 1925 der führende Kopf in Berlin.