Jón Kalman Stefánsson: Das Knistern in den Sternen

A. d. Isländ. von Karl-Ludwig Wetzig - Reclam Verlag, Leipzig 2005 - 237 S., 18,90 e

Reclam Leipzig als eigenständigen Verlag gibt es nicht mehr, aber das entdeckungsfreudige, in entlegene Gegenden der europäischen Prosa ausschwärmende Sortiment ist noch lieferbar. Unter dem lyrischen Titel Das Knistern in den Sternen hat der isländische Erzähler Jón Kalman Stefánsson eine Familiensaga im Novellenformat geschrieben, die die Vorzüge beider Genres vereint: Tolstojsche Weitschweifigkeit und Flaubertsche Prägnanz, Brontësches Sentiment und Sternschen Humor, Stormsche Psychologie und Bernhardsche Bitterkeit. Aus Urenkel-Sicht werden die Lebensläufe mehrerer Paare erzählt, die als Liebesgeschichten beginnen und sich dann auffächern in poetische, spröde, tiefgründige, aufbrausende, strahlende Anekdoten aus einem fernen, zwischen Meer und Gletschern versteckten Land.

Emily Brontë: Sturmhöhe

A. d. Engl. v. Ingrid Rein - Reclam, Leipzig 2006 - 429 S., 8,90 e

Einen schönen Kontrast zum neblig-lakonischen Island des Jón Kalman Stefánsson bildet Emily Brontës düster-geheimnisvolles Yorkshire. Zusammen gelesen, zeigen die beiden Gesellschaftsromane, wie der Klassische Realismus in modernes Erzählen ausufert. Brontës Figuren leben im Zwiespalt ihrer Sehnsüchte und Prägungen, Stefánssons Figuren sind hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihr graues Reykjavøk zu verlassen, und einer schmerzlichen Heimatverbundenheit. In beiden Romanen aber sind die Figuren am ehesten zu Hause auf den Sturmhöhen jenseits der Gesellschaft.