Ach, wenn Ennis Del Mar und Jack Twist dies hätten erleben dürfen! Ein ganzer Club voll schwuler Cowboys, die ungeniert und eng umschlungen über den Tanzboden schwofen! Die an ihrer Liebe verzweifelnden Helden aus Brokeback Mountain wären hier bestimmt Stammkunden geworden – und man stelle sich nur vor, welch ganz andere Wendung ihr Leben genommen hätte, wenn sie jeden Dienstag, Donnerstag und Freitag zum Country-Dancing-Abend im Oil Can Harry’s hätten gehen können, statt sich einmal im Jahr zu einem angeblichen Angelausflug zu verabreden. Darf ich bitten? In der Tanzbar am Ventura Boulevard in Los Angeles geben sich die Cowboys als echte Kerle. Unter manchem Westernhut steckt jedoch ein Bürohengst

Seit fast 20 Jahren treffen sich im Oil Can Harry’s, einem zünftig getäfelten Club am Ventura Boulevard, Hunderte von schwulen Cowboys (und auch manche Cowgirls) von Los Angeles, um sich bei einem flotten Two Step oder einem Line Dance zu vergnügen. Okay, die meisten von ihnen sind im wirklichen Leben keine Cowboys, sondern allenfalls Großraumbürohengste, aber wer kann das an der Standardkluft aus Stetson, Flanellhemd, Jeans und spitzen Stiefeln schon erkennen? Und das Schönste ist: Im Oil Can Harry’s gibt es weiße, schwarze, koreanische, chinesische, hispanische und hawaiianische Freizeitcowboys. Wer ein Stück Wilden Westen leben will, hier darf er es.

Los Angeles ist schließlich nicht umsonst die Stadt der Träume, und der Cowboy war schon lange vor der traurigen Kinoballade von Ennis und Jack ein populärer schwuler Traum.

Wie der Zufall es will, feiert der Club in dieser Woche Anfang April ausgerechnet »Brokeback Mountain Week«. In einer Hommage an Hollywoods ersten Homo-Western ist die Bühne in ein »Brokeback«-Camp verwandelt worden: mit einem Zweimannzelt, einem flackernden künstlichen Lagerfeuer, ein paar Konservendosen mit Bohnen als Dekoration, einer Angelrute, zwei Cowboyhüten – einer schwarz, einer weiß – und einem etwas dümmlich dreinblickenden Holzpferd. Wenn es auch nur die Belüftungsanlage ist, welche die Zeltwände zum Erbeben bringt, so könnte man glatt auf den Gedanken verfallen, dass sich Ennis und Jack im Innern, nun ja, näher kommen.

Aber in Wirklichkeit geht es im Oil Can Harry’s tatsächlich ums Tanzen. Und dazu sind hier alle willkommen, homosexuell oder nicht, die am Eingang ihre drei Dollar zahlen. Dienstags und donnerstags fängt der Abend mit einer Tanzstunde an, und zu der haben wir uns – als vollkommene Country-Dancing-Ignoranten – hergewagt.

Stolpern bei der ersten Drehung. Zu viel Füße, zu wenig Zeit

Cari Anderson, die Tanzlehrerin, trägt knallrote Cowboystiefel und eine Vokuhila-Frisur, vorn kurz und hinten schulterlang. Und weil Cari schon seit rund drei Jahrzehnten den Anfängern auf die Sprünge hilft, hat sie ihre Schützlinge auch an diesem Abend sicher im Griff.