Thomas Quasthoff ist ein weltweit gefragter Bariton. Zwei Grammys hat der 1959 in Hildesheim geborene Sänger bereits gewonnen und vor zwei Jahren seine viel beachtete Autobiografie veröffentlicht. Für uns schreibt er von nun an unter dem Titel »Quasthoff hört« wöchentlich eine CD-Kolumne über Komponisten, Werke und Aufnahmen, die ihm besonders am Herzen liegen – nicht nur aus dem Bereich der ernsten Musik. BILD

Das Erste, was ich von Erich Wolfgang Korngold hörte, kam aus dem Fernseher. Es war pompös, verspielt und sehr beeindruckend. Das lag auch an der reizenden Olivia de Havilland, die auf dem Turnierplatz von Nottingham zusah, wie Errol Flynn als Robin Hood die Bogenschützen des schurkischen Thronräubers Prinz John düpierte. Eine Dekade später vernahm ich Ähnliches in einem Kino. Der Fiesling hieß diesmal Darth Vader, und die Tutti-Fanfaren stammten von John Williams, der dafür einen Oscar kassierte, obwohl er sich weidlich bei Korngold bedient hatte. Korngold bekam die Trophäe 1938 für die Originalmusik von The Adventures of Robin Hood. Seitdem brauchte sich der jüdische Emigrant nie mehr um seinen Kontostand zu sorgen, er wurde neben Max Steiner und Bernhard Herrmann zum bedeutendsten Filmkomponisten des klassischen Hollywood.

Vater Korngold, in Wien ein bekannter Musikkritiker, hätte aus dem Filius lieber einen zweiten Richard Strauss gemacht. Mit dreizehn schrieb Korngold jr. (1897 bis 1957) Klaviersonaten, mit neunzehn die erste von fünf Opern. Doch sein phänomenaler Sinn für Melodie prädestinierte ihn zum Liedkomponisten. 1911, das Wunderkind zählte gerade mal vierzehn Lenze, plante er, einen Eichendorff-Zyklus in Druck zu geben. »So Gott und Papa will«, schrieb er auf das Deckblatt. Gott und der strenge Papa wollten leider nicht und fügten der Musikgeschichte erheblichen Schaden zu. Denn während Furtwängler, Walter und Nikisch die heute weitgehend vergessenen Großwerke des Jünglings auf die Bühne hoben, betrieb dieser die Liedproduktion fortan nur noch nebenbei. Meist verschenkte er die Partituren oder ließ sie in der Schublade vergilben. Was Korngold ab und an veröffentlichte, reicht nicht einmal für einen Eintrag in Reclams Liedführer.

Wie ungerecht das ist, lässt sich anhand der 36 Korngold-Lieder nachprüfen, die Dietrich Henschel (Bariton) und Helmut Deutsch (Piano) für das harmonia-mundi-Label eingespielt haben. Die beiden Ausnahmemusiker bieten nicht nur eine profunde Werkschau, sie haben auch etliche Frühwerke restauriert und erstmals aufgenommen. Und siehe, es ist eine kleine Offenbarung: Korngold bündelt Mahlers Expressivität und Strawinskys Polytonalität, Ravelsche Stimmungsmalerei und Wolffsche Innigkeit zu einem ganz eigenen geschmeidigen Liedstil, der dort, wo die Motive auf seinen Filmmusiken basieren, mit einem Schuss Tin-Pan-Alley-Charme veredelt wird.

Erich Wolfgang Korngold: Lieder

harmonia mundi HMC 901780