Marvin Gaye fühlte sich von höheren Mächten dazu berufen, die Menschen mit seinem Gesang zu verführen, ihre Sinne für eine transzendente Wahrheit zu öffnen. Während er aber allzu oft den Heiligen Geist an einem Haufen zerwühlter Bettlaken festmachte und ganz diesseitig Sexual Healing propagierte, widersprachen 1970 nicht einmal Skeptiker der Behauptung, Gott habe ihn dieses Album schreiben lassen. Marvin Gaye BILD

Gott schickte ihm die Depressionen, die ihn dazu zwangen, keine Pop-Hits der Marke »Girl Meets Boy« mehr abzuliefern. Gott sprach durch seinen Bruder Frankie, der ihm erschütternde Briefe von der Front in Vietnam sandte. Als auch noch das Fernsehen täglich Bilder brennender Ghettos zeigte, war klar, dass Liebeslieder nicht alles sein können, wenn die Welt in Stücke geht. Gayes Antwort, What’s Going On, stellte das bisherige Konzept der Plattenfirma Motown auf den Kopf: Statt wie bisher üblich ein paar Singles, Shownummern, B-Seiten und Outtakes zusammenzustellen, durchzog das Album ein einziger lyrischer Fluss.

Marvin Gaye, der auch als Autor und Produzent firmierte, mischte seine idiosynkratische Spiritualität in die Anklage der militärischen, ökonomischen und ökologischen Verwüstung der Welt – vom Ghetto-Realismus des Inner City Blues über das Atomkriegsszenario von Save The Children bis zum Antidrogensong Flying High . Eines allerdings vermied er: Protest mit Lautstärke zu verwechseln. Er suchte stets die Harmonie hinter dem Chaos in überlangen, reich kolorierten Suiten, die beinahe unmerklich ineinander übergingen.

Jimi Hendrix’ Zerfetzung der amerikanischen Nationalhymne setzte er die Sehnsucht nach brüderlicher Liebe entgegen. »Marvin Gaye«, begeisterte sich Jesse Jackson, »steht als Prediger keinem Mann auf der Kanzel nach.« Bis heute erinnert What’s Going On an das humanistische Gebet, zu dem sich Soul in seinen besten Momenten aufgeschwungen hat. Über einem Ambiente aus Funk-Rhythmen, Streichern und melodiösem Late-Night-Jazz ließ Gaye gleich mehrere Spuren seiner Stimme legen. Ein Studiotrick, der die sanfte Eindringlichkeit seines Gesangs ins Sphärisch-Meditative steigerte. Immer noch brauchte der Prediger den hedonistischen Groove. Das halbe Dutzend Perkussionisten. Das kontrapunktierende Saxofon. Die angeregt palavernden Freunde im Intro.

Motown-Boss Berry Gordy aber fürchtete solche Experimente – und die Protest-kraft der Texte. Er veröffentlichte What’s Going On erst, nachdem sein Schützling gedroht hatte, nie wieder für ihn zu singen. Auch wenn Gaye sich bis zur Ermordung durch seinen Vater 1984 in einem Nebel aus Drogen und Sex verlor: What’s Going On erlöste die Soulmusik aus dem Gefängnis des apolitischen Drei-Minuten-Songs. Eine Freiheit, die die schwarze Popmusik drei Jahrzehnte später als allzu selbstverständlich nimmt. Jonathan Fischer

Marvin Gaye: What’s Going On

(Motown/Universal)