Mönchengladbach

Der im Rheinland nie ganz geklärte Streit in der Sprecherziehung, ob man nach Aldi oder zu Aldi geht, ist in Mönchengladbach soeben lakonisch beendet worden. Dort tritt jetzt eine Welt nach Aldi ein, denn Aldi macht zu.

Die älteste Innenstadtfiliale ist geschlossen worden. Die Bürger protestieren per Unterschriftenaktion.

Knapp 2500 Unterschriften hat Kerstin Gellrich, eine rührige Erzieherin und Sozialarbeiterin, an den Tagen vor dem stillen Showdown gesammelt. Manche haben mit zitterndem Schwung unterschrieben, auf einige Bögen sind Tränen geflossen. Gellrich wirkt empört und ratlos. Die alten Leute, die in der Nähe wohnen, tun ihr leid. Wo sollen sie das Nötigste zum Essen einkaufen?

Lebensmittelgeschäfte gibt es hier kaum noch, nur einen Kaiser's-Markt, von dem Johann Schmitz (79), stellvertretend für viele, sagt: Kann ich mir nicht leisten. Wer der 82-jährigen Elisabeth Mülders rät, mit dem Bus zu einer anderen Aldi-Filiale zu fahren, bekommt von ihr zu hören: Der Fahrschein hin und zurück kostet genauso viel wie ein Brot, Butter und Milch.

Die Aldi-Filiale lag nahe dem historischen Abteiberg, gleich neben Krankenhaus, Kirche, Stadtverwaltung, Schuhgeschäften, Friseurläden, Dönerbuden. Aldi auf der Sandradstraße war die Anlaufstelle für den kleinen Einkauf zwischendurch. Hier trafen sich Krankenschwestern, Patienten, Rentner, Schüler, Mütter mit schmalem Einkommen, Beamte, Tageslichttrinker vom nahen Alten Markt. Sie alle müssen jetzt sehen, wo sie bleiben. Viele wissen es noch nicht. So weit sei, sagt Gellrich, die Aldisierung der Republik schon vorangeschritten. Aldi hat es geschafft, dass wir ihn nicht mehr entbehren können.

In den vergangenen 30 Jahren kostete dieser Gladbacher Aldi-Markt eine Reihe von Tante-Emma-Läden das Leben - jetzt wird er selbst erledigt. Mission erfüllt. Die Mitarbeiter sagen hinter vorgehaltener Hand, die Filiale sei zu klein geworden - sie habe die erweiterte Produktpalette mit Skijacken, Laptops, Pantoffeln, Gartenschläuchen und Hartschalenkoffern nicht mehr aufnehmen können. Außerdem gab es keinen Parkplatz. Aldi und die anderen Versorgungsunternehmen schätzen den motorisierten Kunden, der mit leerem Kofferraum vor- und mit vollem wieder wegfährt. Rentnerinnen mit Einkaufswägelchen, schwachen Beinen und ökonomisch belanglosem Kaufvolumen sind zu vernachlässigen, zumal die Zeiten härter werden: Dem Imperium der Brüder Albrecht sitzen die Lidl-Kette und andere Billiganbieter im Nacken.

Seit einigen Jahren, so gehen die Gerüchte, versucht Aldi bereits, die Mönchengladbacher Filiale loszuwerden. Zuletzt hing sie dem Konzern wegen der langen Vertragsdauer und der entsprechenden Kündigungszeit wie ein Klotz am Bein - die Regale wurden nur noch notdürftig aufgefüllt. Als die letzten Tage von Gladbach nahten, machte ein typisches Aldi-Plakat (Aldi informiert) auf die Schließung aufmerksam. Kein Dank für Treue, kein Abschiedsgruß. Die Mitarbeiter waren bereits unterrichtet - sie finden Arbeit in den anderen Filialen der Stadt.

Kerstin Gellrich glaubt, dass der Aldi-Konzern für die Bittsteller vom Niederrhein kaum mehr als ein Achselzucken übrig hat. Die Zusendung der Unterschriftenbögen wird vermutlich folgenlos bleiben. Auskünfte erteilt Aldi sowieso nicht. Wählt man die zentrale Mülheimer Telefonnummer des Konzerns, hebt niemand ab. Kein Kontakt zur Welt außer Werbung. Als zum Finale die Kunden beim Bezahlen ihren Ärger über die begründungsfreie Schließung ausdrückten, sagte eine Kassiererin: Wir sind hier nicht zum Diskutieren angestellt. Fügte aber leise hinzu: Schade ist das schon.

Jetzt steht die frühere Aldi-Filiale erst einmal leer. Kerstin Gellrich hat einen verwegenen Plan. Sie möchte den Raum für einen Tag mieten und eine Schulung veranstalten. Thema: Leben ohne Aldi.