In Reihe acht, Mitte, sitzt auch Gisela Schneeberger, als im Münchner Residenztheater Offener Vollzug, das neue Stück von Gerhard Polt und der Biermösl Blosn, uraufgeführt wird. Die Schneebergerin und der Polt gehörten lange Zeit künstlerisch zusammen wie der Wind und das Meer.

So entgeht ihr auch nicht, dass es zunächst ziemlich zeitgeisteisig und ernst von der Bühne pfeift, wo sich ein in der Zwangslodenjacke verschnürter Polt ganz allmählich aus dem Hintergrund herantastet und unüberhörbar wirr-wahres Zeug redet. Er ist umgeben von anderen scheinbar Debilen, die einen mit verzerrten Augen groß ansehen. Dann brechen die Brüder Christoph, Hans und Michael Well von der Biermösl Blosn durch eine papierne Wand und beruhigen als Ärztetrio die Szene.

Der Herr Polt, erfährt man, sei nicht wirklich gefährlich, er wolle nur spielen. Und das tut er dann auch, einen abgedrehten Schwank aus der frühesten Jugend seiner Bühnenfigur: wie nämlich Hitler und Ludendorff im Lokal zufällig aneinander gerieten, nachdem der noch ein wenig orientierungslose spätere Führer dem Buben ein aufmunterndes Duziduzi in den Kinderwagen geschmettert hatte, also eigentlich ganz normal, wie der bayerische Patient jetzt sagt. Und spielt noch einmal den Nobody als Jedermann. Das ist der Moment, in dem Gisela Schneeberger zum ersten Mal lacht - nicht kollegial, sondern als Fan: einfach hingerissen. Und so geht das dann zweieinhalb Stunden lang, ihr und eigentlich allen.

Die Biermösl Blosn und Gerhard Polt sind nach einem Vierteljahrhundert der Zusammenarbeit auf einem einsamen Gipfel der kabaretttheatralischen Kunstfertigkeit angekommen, mitunter sorgen sie als Kollektiv sogar für ronaldinhohafte Effekte: Verblüfft und verzaubert registriert der Zuschauer manchmal erst viel später, welche Bälle sie sich (musik)rhetorisch gerade zugespielt haben. Wenn nämlich der zum Himmel schreiende Wildfleisch-Produzent Polt, welcher vorher ausgiebig über die Wanderwege eines Hirschen räsoniert hat (der springt ja nicht einfach in meine Tiefkühltruhe) und damit auch begründet glaubt, weshalb so ein Viech - via Vaduz - in Bayern eigentlich nur als Gammelfleisch auf den Seniorenteller gelangen kann, fast schon ins Delirium gelangt und allüberall Alligatoren um sich sieht, tönt aus der Kulisse ein ganz leises Hoffnungsmotiv, ein Heil, ein Heilchen: Es ist der Grals-Klang aus dem Lohengrin. Ein unterirdisch sich aufführender Polt und ein überirdisch irrlichterndes Akkordeon: well done. Viel genialer kann eine solche Bühnengaudi, kilometerweit erhaben über Jungmännercomedy und Altherrenkabarett, nicht sein.

Dass sie Spaß an sich selber haben, ist den vier Protagonisten in jeder Szene anzumerken. Der Schweizer Schriftsteller und Regisseur Urs Widmer hat mit Freundeshand die Fäden dieser irren Revue gezogen, auf dass aus so heterogenen Stoffen wie eben dem Wildfleisch-Skandal und der Verscherbelung der WM, den Hohlmeieriaden und den Hartz-IV-Kommentaren ein Ganzes werde. Und wird. Der bayerische Patient leidet an Schizophrenie, was ihn wunderbar theatertauglich macht - und am Ende gar unverwundbar: Man braucht nämlich nur einen Finnen, der ja laut Pisa alles weiß, zu fragen, was eigentlich in der Schlacht von Ampfing passiert ist. Das weiß natürlich der Finne nicht, der depperte Depp, der. Polt spielt die Szene als Triumph des kleinen Mannes über die Widrigkeit der Verhältnisse und trötet in den Bühnenhimmel als Gerechter. Nichts kann er besser. Er kann aber auch anders: Den Kehraus bestreitet er als Pontifex maximus. In reinstem Benedetto-Italiano erörtert er die Vorzüge deutscher Baumärkte, denn er hat sich einen Laubbläser angeschafft, mit dem er selbst den Anfeindungen dreier Wellscher Alphörner (Soundmaterial: Walkürenritt) trotzt. Gerhard der Große und die ebenbürtige Biermösl Blosn verrücken noch einmal alle Grenzen: Ihr satirischer Segen ruht nicht nur auf urbi und orbi, sondern auch auf Obi.