Literatur besteht aus Tricks, aus Technik, Komposition, genau geplanten Effekten. Und ebendort, wo sie am zartesten scheint, am tiefsten gefühlt, ist das Handwerk am wirksamsten; aus reiner Unmittelbarkeit entsteht keine Poesie. BILD

Ganz besonders gilt das für das scheinbar volksliedhafteste deutsche Gedicht, die Loreley die eigentlich nichts anderes ist als die Auseinandersetzung des modernen Kunstgedichts mit dem Volkslied an sich. Ein »Märchen aus alten Zeiten« wird hier ja nur auf den ersten Blick erzählt, schon der zweite verrät, dass ebendies nicht geschieht, vielmehr wird eine Legende bruchstückhaft herbeizitiert und scheinbar achtlos wieder fallen gelassen. Die Verbindung von Intellekt und Gefühl, von Romantik und Distanz, um die es Heine so sehr zu tun ist, dass sie ihm oft zum nur mehr routiniert beschworenen Topos wird (des berühmten Fräuleins Rührung über den Sonnenuntergang enthält weniger Klischee als Heines Spott über ihre Gefühle), in diesem Fall ist sie ganz und gar gelungen.

Es geht um das alte Deutschland, jenes sagendurchwirkte Reich voller Geister, Hexen, Kobolde und goldhaariger Feen, wie es nur die beiden Grimms und die Träume der Romantik erschaffen konnten, um das mythische Mittelalter der deutschen Sehnsucht. Der wahre Tempus des Mythischen aber ist die Vergangenheit, sein geziemender Erzählton die Melancholie; selbst in Homers Troja wird schon mit Trauer und Sehnsucht auf die ferne Zeit zurückgeblickt, in der Götter unverhüllt unter den Menschen wandelten. Die Vermischung der Welten, das Ineinanderfließen von Magie, Wunder und alltäglicher Realität ist immer nur als fern zurückliegender Zustand denkbar – vergegenwärtigt, als Historienfilm sozusagen, wird das Mythische albern, ja kindisch. Heine weiß das genau, deshalb kann sein lyrischer Erzähler das Märchen aus alten Zeiten kaum mehr erinnern; die Loreley ist ein Gedicht über eine fast vergessene Ballade, in deren Mittelpunkt die »gewaltige Melodei« eines großen, verlorenen Liedes steht.

Denn was ist es eigentlich, das den Sprecher so traurig macht? Doch nicht das Schicksal des namenlosen Schiffers, sondern der Umstand, dass er an die Fee, die diesen verzaubert, nicht mehr glauben, dass er nicht mehr naiv sein kann und für ihn solch gewaltige Melodien nie erklingen werden. Nur im alten Märchen lebt die Erinnerung an das Lied weiter, das die goldhaarige Jungfrau auf ihrem Felsen gesungen hat – eine Melodie von wahrer, ursprünglicher Magie, von einer unmittelbaren Macht zu binden und zu lösen, wie sie sich der moderne Lyriker bloß noch erträumen kann. Schließlich ist es ja diese Melodie, weit mehr noch als die Schönheit der Fee, die den Fischer mit wildem Weh ergreift; ausdrücklich heißt es, die Loreley habe ihn »mit ihrem Singen« getötet.

Und schon lässt Heine, als Vertreter einer Modernität, der solche Kraft nicht mehr zu Gebote steht, die kunstvoll geschürzten Fäden wieder fallen. Eine wohlkalkulierte Geste der Resignation, keine Klimax, kein Wendepunkt, ja nicht einmal die Sicherheit, wie es nun eigentlich ausgegangen ist. »Ich glaube, die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn.« Vielleicht ja auch nicht, womöglich hatte die Geschichte ein anderes Ende, oder auch gar keines, und letztlich ist es ja auch nicht wichtig, dies alles ist erstens lange her und zweitens nie passiert; denn natürlich hat es das Märchen aus alten Zeiten ebensowenig gegeben wie die schönste Jungfrau oder ihre Melodie. Es gibt nur uns, die wir modern sind und gern wieder naiv wären, mit unserem aufgeklärten, unglücklichen Bewusstsein. Und eine Dichtung, deren raffiniertes Arrangement aus Anklängen, Ahnungen und Anspielungen uns für Momente bewusstmachen kann, was wir verloren haben.

Der 1975 geborene Schriftsteller Daniel Kehlmann hat Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und lebt in Wien. Sein jüngster Roman »Die Vermessung der Welt« (Rowohlt Verlag) wurde zum vielgelobten Bestseller