Wie kann Gewissheit sein über ein Gefühl und zugleich Unwissenheit über seine Bedeutung? Wer ist es, der da fühlt, und wer weiß, dass er nicht weiß, was es damit auf sich hat? Seit Freud haben wir Antworten. Und weil Entdeckungen oft Mosaiken gleichen, an denen viele mitgestalten, sollten wir sagen: Seit Magnetiseure und Hypnotiseure Beweise für die Existenz einer unbewussten Dimension unseres Ich erbrachten, haben wir Antworten. Wir wissen, dass wir mindestens zwiegespalten sind, dass unsere psychische Verfasstheit eine unbewusste und eine bewusste Dimension aufweist und dass diese Bereiche eine recht konfliktträchtige Koexistenz führen. BILD

Da nun offenbar längst nicht alles, was uns an- und umtreibt, im Bewusstsein auftaucht, lautet die aufgeklärte Antwort auf obige Fragen: Das bewusste Ich des Protagonisten hat zwar Zugang zu seiner wehmütigen Gestimmtheit, aber die eigentlichen Gründe bleiben ihm unzugänglich. Allenfalls ist da noch die Vermutung, es könne mit dem Inhalt eines erinnerten Märchens zu tun haben, in dem von immer währender Sehnsucht die Rede ist, vom Zauber der Musik, vom unwiderstehlich Hingezogen-sein-Wollen, von Erfüllung in der Selbstaufgabe.

Die Fragen könnten jedoch auch anders gestellt werden, und sie sollten anders gestellt werden, wenn wir behaupten, dass alle psychischen Prozesse auf neuronalen Vorgängen im Gehirn beruhen – auf Wechselwirkungen zwischen Nervenzellen. Das Vokabular einzelner Neurone ist beschränkt. Sie können einen kurzen Impuls aussenden und damit andere Neurone erregen oder hemmen. Aufgrund dichter Vernetzung führen diese einfachen Interaktionen zu unvorstellbar komplexen raum-zeitlichen Erregungsmustern, die das Substrat aller kognitiven und exekutiven Funktionen darstellen.

Wenn sich psychische Prozesse in unbewusste und bewusste unterteilen lassen, dann ist zu fragen, wodurch sich die dazugehörigen Erregungsmuster unterscheiden. Sind für bewusste Prozesse andere Hirnregionen zuständig als für unbewusste? Was geschieht, wenn Erregungsmuster, die eben noch im Unbewussten wirkten, plötzlich zu Trägern bewusst wahrgenommener Inhalte werden? Gelangen sie an andere Orte im Gehirn, ändern sie ihre Dynamik, oder müssen sie mit der Aktivität besonderer, für Bewusstsein zuständiger Strukturen verbunden werden?

Manche dieser Fragen lassen sich heute mit neurobiologischen Methoden angehen. Als gesichert gilt, dass Erregungsmuster nur dann Zugang zum Bewusstsein haben, wenn sie Bereiche der Großhirnrinde mit einschließen. Zudem müssen diese Muster offenbar eine hinreichend hohe zeitliche und räumliche Kohärenz aufweisen. Diese können sie nur erlangen, wenn das Gehirn als Ganzes wach ist und die Aufmerksamkeit auf ebendiese Inhalte richtet. Weil sich Aufmerksamkeit immer nur auf wenige, jeweils neu ausgewählte Inhalte konzentrieren kann, laufen in der Großhirnrinde ständig viele Verarbeitungsprozesse ab, die unbewusst bleiben, aber verhaltensrelevant sind. Bewusste und unbewusste Erregungsmuster koexistieren und interagieren im Wettstreit um Aufmerksamkeit, die sie ins Bewusstsein zu heben vermag.

Vieles ist noch zu klären. Wir wissen nicht, warum im Bewusstsein nur wenige Inhalte gleichzeitig gehalten werden können, auf welche Weise Erregungsmuster zu sprachlich fassbaren Wahrnehmungen führen und warum es oft schwer ist, sich bestimmte Inhalte bewusst zu machen, obgleich man weiß, dass man sie abgespeichert hat, während andere dort unvermittelt auftauchen, ohne dass nach ihnen gesucht wurde. Und schließlich ist da die Frage, wie das Gehirn überhaupt herausfinden kann, dass ein bestimmtes Erregungsmuster ein Ergebnis darstellt und nicht lediglich Ausdruck noch nicht abgeschlossener Verarbeitungsprozesse ist.