Paris

Bei dieser Flaschenpost aus dem Untergrund greift man unweigerlich zum Atlas: Wo mag das Versteck liegen, das der flüchtige Autor beschreibt? Es muss ein sehr heißes Land sein mit vielen Touristen, einer Meeresküste und einem Pilgerort, ein Land, in dem die Restaurants Linsen und Ziegenkäse anbieten und in dem Arabisch gesprochen wird. Irgendwo im Maghreb ist folglich der Unterschlupf zu vermuten, aus dem sich Cesare Battisti mit seinem Buch Ma cavale (Meine Flucht) in der vergangenen Woche in Frankreich zurückgemeldet hat. Seit 1990 hatte das ehemalige Mitglied einer italienischen Terrorgruppe unbehelligt als Hausmeister und Krimiautor in Paris gelebt, bis er sich vor zwei Jahren seiner Auslieferung per Flucht entzog.

Seitdem ist der Exterrorist, der von einem Mailänder Gericht bereits 1988 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, zum Mündel der linken französischen Intelligenz aufgestiegen. Nach zahlreichen Solidaritätsaktionen in Paris haben jetzt die renommierten Verlage Grasset und Rivage sowie der Starintellektuelle Bernard-Henri Lévy für die Herausgabe des neuen Buches von Cesare Battisti gesorgt. Das Kassiber des 52 Jahre alten Italieners enthält eine Mischung aus Jugenderinnerung, Fluchtbericht und Selbstverteidigung. Battisti schildert die korrupte Orthodoxie der italienischen Kommunisten, seinen Gang in den Untergrund sowie seinen späteren Ausstieg (Ich habe niemals getötet), und er bezichtigt neben den Terroristen vor allem den italienischen Staat, der die Schuld an den bürgerkriegsartigen Metzeleien Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre trage. Seit Jahren ringen Italien und Frankreich um eine mögliche Auslieferung Battistis. Mit dessen Buch erhält der juristisch-politische Konflikt neuen Zündstoff.

Während in Italien inzwischen alle politischen Lager die Inhaftierung des mutmaßlichen Mörders fordern, beharrt Frankreichs Linke, die sich gern als Hüterin der Freiheit und der Menschenrechte geriert, auf der Einhaltung juristischer Prinzipien. Die sehen die Battisti-Sympathisanten gleich mehrfach verletzt: So sei dem ehemaligen Mitglied der Gruppe Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus nicht nur in Abwesenheit der Prozess gemacht worden - was der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in der Tat schon mehrfach rügte. Zudem stütze sich das Urteil der Italiener auf dubiose Kronzeugen, die durch ihre Aussagen gegen Battisti in den Genuss erheblicher Hafterleichterungen kamen.

Und vor allem pochen sie auf eine Zusage des früheren französischen Präsidenten François Mitterrand von 1985, die die jetzige Regierung mittlerweile aber gekippt hat. Mitterrand wollte damals einen Weg aus der Gewaltspirale bieten und gewährte terroristischen Aussteigern aus Italien, die keine Mörder waren, politisches Asyl. Auch der italienische Premier Bettino Craxi hatte seinerzeit diese Regelung unterstützt, um wieder für Frieden im Land zu sorgen. Etwa 150 ehemalige Terroristen leben seitdem in Frankreich. Doch einem Dutzend von ihnen wollen die Italiener bis heute nicht verzeihen.

Dazu zählt vor allem Cesare Battisti. Zwar stand er nie im Zentrum der Untergrundbewegung und gehörte auch nicht zu den theoretischen Köpfen. Eher war seine Gruppe berüchtigt für die Methode der gambizzazione, den gezielten Schuss in die Beine von Attentatsopfern. Zwar hat auch Italien die bleiernen Jahre längst überwunden und die meisten Terroristen entweder begnadigt oder zu Freigängern gemacht. Doch Battisti, der 1978/79 zwei Beamte erschossen haben soll und sich bis heute der Justiz entzieht, ist ein nationales Hassobjekt geblieben.

Dass sich Hunderte prominenter Franzosen für Battisti einsetzen - von Mitterrands Witwe Danielle bis zu dem Grünen Daniel Cohn-Bendit, von Filmregisseur Claude Chabrol bis zur Parteispitze der Sozialisten -, ärgert die Italiener maßlos. Sie sehen darin den alten Hochmut ihrer Nachbarn, die sich Italien gegenüber schon immer politisch und kulturell überlegen fühlten.