Lieber Harald Martenstein, ich wollte unseren Briefwechsel zur Weltmeisterschaft mit der Aufforderung beginnen, dass Sie mir die Abseitsregel erklären, aber ich muss zugeben, Sie hatten eine viel bessere Idee. Okay, reden wir über Hitler, Sex und historische Genauigkeit. BILD

Finden Sie es wirklich fair, Hitler die Schuld an Ihren erotischen Missgeschicken mit englischen Frauen zu geben? Zugegeben, unsere Revolverpresse liebt das prähistorische Image von Deutschen als Allzwecknazis. Aber die Vorstellung, einen blutrünstigen Teutonen flachzulegen, würde unsere Frauen doch höchstens anspornen, nicht abtörnen, schließlich verdanken sie ihre sexuelle Erweckung den Wikingern. Wenn Sie zurückgewiesen wurden, lieber Harald, dann war es naiv von Ihnen, als Grund dafür Ihre historisch befleckte Nationalität zu akzeptieren. Es ist sehr schwierig, die Avancen eines absolut akzeptablen Mannes taktvoll abzulehnen, und der Satz »Ich mach’s nicht mit Deutschen« (oder: Wikingern) sagt sich viel leichter als »Ich steh nicht auf deine Frisur« (oder: deinen Helm).

Aber haben Sie das wirklich geglaubt? Oder könnte es sein, dass es, in jenen Jahren, als 1945 noch nicht lange genug zurücklag, Ihnen unangenehm war zu sagen »Ich bin Deutscher«, und Sie deshalb zu der List einer falschen Schweizer Identität griffen? Im Übrigen frage ich mich auch, wie lange Ihre Schweizer Verkleidung hielt. War sie eine Maske von kurzer, prä- und postkoitaler Dauer? Sie müssen diese Fragen nicht beantworten, Harald. Aber wissen Sie was, Ihr komplexer intragermanischer Trick war verschwendete Liebesmüh: Die meisten Briten kennen den Unterschied zwischen Swiss und Swedish nicht und verwechseln auch gerne Austrians mit Australians. Unterschiedsloses Schnackseln ist ein britischer Nationalsport, auf ungefähr derselben Ebene wie Fußball; uns ist ziemlich egal, wer der Gegner ist oder zu sein glaubt – Hauptsache, es macht Spaß. Ich freue mich, dass Sie auf den Reisen Ihrer Jugend ein bisschen Spaß hatten.

Doch zurück zu unserer Revolverpresse: Selbst in England haben sich die Zeiten verändert (ein wenig). Neulich verkündete eine Schlagzeile der Sun : »An unsere Fans: Singt auf Deutsch«. Einer unserer Minister hatte den britischen Schlachtenbummlern empfohlen, für die Weltmeisterschaft die englischen Fußballgesänge auf Deutsch zu lernen, aus Höflichkeit den Gastgebern gegenüber. Vicki, 18, der Busen des Tages auf Seite 3 derselben Ausgabe, fasste die landesweite Reaktion auf diesen ungewöhnlichen Vorschlag wie folgt zusammen: »Ist das bescheuert. Was soll das bringen? Keiner unserer Spieler würde verstehen, was die Fans da singen.« Da haben es die deutschen Fans leichter, nicht wahr? Das nonverbale Muhen, das sie anstimmen, wenn sie unsere Spieler begrüßen – als Imitation des Rinderwahnsinns, den unser Land angeblich über die Welt gebracht hat –, braucht keine Übersetzung.

Sie haben Rooney und sein Gewicht erwähnt. Dieser 20-Jährige hat gerade Wettschulden von 700000 Pfund abbezahlt – vermutlich indem er auf andere Mannschaften gewettet hat. Unsere Jungs sind eine komplizierte Mischung aus Tugenden und Lastern, Stärken und Schwächen, und so mögen wir sie: Sie sind wie wir alle, nur mit mehr Geld und Talent. Sie sind unberechenbar, launisch, schwierig, lustig und vorlaut. Das große Plus unserer Fußballer, Harald, ist nicht etwa, dass sie ihre »Physis« besiegen, wie Sie es nennen. Sondern dass sie es gerade nicht tun. Und deshalb werden sie auch in Deutschland gewinnen. Ich hoffe, wenn es so weit ist, schwenken Sie in Erinnerung an Ihre erotischen Nachkriegseskapaden heimlich Ihren kleinen Schweizer Wimpel.

Aus dem Englischen von Frank Heibert

Deutschland – England:
ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein aus Berlin und die Schriftstellerin Elena Lappin aus London liefern sich jede Woche bis zum Ende der Fußball-WM ein Match in Briefen