Manchen Menschen zieht, juckt, brennt es in den Beinen. Das klingt harmlos, ist für die Betroffenen aber schwer zu ertragen, auch, weil die Symptome sie um den Schlaf bringen. Noch ist das Restless-Legs-Syndrom, sind die »unruhigen Beine« ein Nischenphänomen, den meisten Menschen weitgehend unbekannt. Damit ist jetzt Schluss: Restless Legs werden derzeit zu einer neuen Volkskrankheit gemacht.

Seit dem 24. April tourt ein gelber Reisebus durch Deutschland. Gesponsert von einem großen Pharmakonzern, läuft das Gefährt 23 Orte an, und von Bremen bis Ulm verkündet seine Besatzung die aufrüttelnde Botschaft, dass nunmehr ein unterschätztes Volksleiden ausgemacht worden sei. Das erinnert an die mittelalterlichen Wanderheiler und irgendwie auch an die etwas zeitgenössischeren Kaffeefahrten mit Rheumadecken. Die Kundschaft ist leicht zu überzeugen: Wen zwickt es nicht mal in der Wade? Wer schläft schon immer durch? Und siehe da – zufällig vertreibt just der aufklärende Konzern das einzige gegen unruhige Beine zugelassene Medikament in Deutschland!

Die Restless Legs haben ihre Karriere als Volkskrankheit allerdings schon vor dem Start des gelben Wagens begonnen. Auf wundersame Weise ist die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren auf bis zu zehn Prozent der Bevölkerung angestiegen. Das wären mehr als acht Millionen Menschen. Willige Helfer waren dabei vor allem die Medien. Das haben die Autoren einer unlängst in der Public Library of Science publizierten Studie nachgewiesen. Sie werteten 33 Zeitungsartikel aus, die über das Restless-Legs-Syndrom berichtet haben. Das Ergebnis: In keinem einzigen wurde die Häufigkeit der Erkrankung infrage gestellt. Drei Viertel der Texte befassten sich mit den schwerwiegenden sozialen, psychischen und emotionalen Folgen des Syndroms, 40 Prozent gaben Anekdoten über schwer betroffene Patienten zum Besten. Dagegen blieb völlig unerwähnt, dass sich viele Menschen von den Symptomen gar nicht gestört fühlen.

Lauter von der Industrie gekaufte Journalisten? Sicher nicht; aber die Aussicht auf eine saftige Story über ein neues Syndrom ist offenbar sehr viel reizvoller als die kritische Auseinandersetzung mit den Verkaufsmethoden der Pharmakonzerne. Denen wird es leicht gemacht, sich neue Märkte zu erschließen. Schwammig definierte Erkrankungen mit diffusen Symptomen wie die unruhigen Beine eignen sich dazu besonders gut. Gesundheit wird so definiert, dass alltägliche Erfahrungen plötzlich krankhaft erscheinen. Und großzügig werden die »Risiken und Nebenwirkungen« der Medikamente in Kauf genommen. So kann die Therapie des Restless-Legs-Syndroms etwa zu Übelkeit, depressiven Verstimmungen, selten sogar zu Herzrhythmusstörungen und Blutbildveränderungen führen – bei Menschen, denen oft nur die Zehen jucken. Astrid Viciano