Unsere Liebe braucht keinen Trauschein, dachten sich Anna und Klaus Seifert, als sie vor fünf Jahren in eine gemeinsame Wohnung zogen. Die 35-jährige Wirtschaftsjuristin und der 30-jährige Historiker wollten eine gemeinsame Zukunft und gemeinsame Kinder - aber wozu heiraten? Den Ausschlag gab schließlich die Steuer. Seit die Seiferts verheiratet sind, sparen sie knapp 8000 Euro im Jahr. Weil die Anwältin in einer großen Kanzlei sehr gut verdient, während ihr Mann mit einem winzigen Stipendium an seiner Promotion arbeitete, profitiert das Ehepaar extrem vom Ehegattensplitting. Der Steuervorteil für Verheiratete wirkt sich bei ungleichen Einkommen besonders stark aus.

Von August dieses Jahres an ist das vorbei. Das Paar erwartet ein Kind, Anna Seifert wird anschließend ein halbes Jahr lang nicht ins Büro gehen, und mit ihrem Gehalt entfällt auch der Steuervorteil. Für den Staat wird es ausgerechnet jetzt, wo ein Kind geboren wird, deutlich billiger: Erziehungsgeld bekommen die künftigen Eltern nicht, das neue Elterngeld wird nur für Kinder gezahlt, die ab 2007 geboren werden, und das Kindergeld bringt den Seiferts nur etwa ein Viertel des alten Splittingvorteils. Ich will mich nicht beschweren, wir kommen auch so zurecht, sagt die Juristin. Aber es hätte mir mehr eingeleuchtet, wenn der Staat mich nach der Geburt subventioniert hätte statt in den Jahren davor.

Die Namen sind erfunden, aber der Fall ist echt - und nur eines von vielen Beispielen für Chaos und Widersprüchlichkeit der deutschen Familienförderung.

Fast vierzig verschiedene staatliche Stellen gewähren etwa hundert verschiedene Leistungen für Familien: unter ihnen Erziehungsgeldstellen, Familienkassen bei den Agenturen für Arbeit, Sozial- und Jugendämter, Finanzämter und Behörden für Ausbildungsförderung sowie sämtliche Sozialversicherungen. Selbst Experten überblicken die Vielzahl staatlicher Einzelleistungen für Kinder und Familien kaum, ihre Statistiken über den Umfang staatlicher Transfers unterscheiden sich beträchtlich.

Laut Bundesfinanzministerium zahlt der Staat rund 100 Milliarden Euro im Jahr für Familien. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel kommt in einer neuen Untersuchung sogar auf 240 Milliarden Euro, was knapp elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Die aufgelisteten Maßnahmen reichen vom Waisengeld für Beamtenkinder bis zu Familientickets der Deutschen Bahn.

Einig sind sich die Fachleute immerhin darin, dass die Familienförderung widersprüchlich, unüberschaubar und intransparent ist, wie Jörg Althammer, Volkswirtschaftsprofessor aus Essen, in einem Gutachten für die Frauenunion schreibt. Es gibt hierzulande kein familienpolitisches Leitbild, deshalb wirken einige Transfers in genau entgegengesetzte Richtungen, sagt Katharina Spiess, Familienexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Im Ausland ist es von Land zu Land verschieden, aber klarer: Die Skandinavier wollten Gleichberechtigung - bis heute ist in Schweden für die Familienpolitik ein Gleichstellungsminister verantwortlich. Die Franzosen machten Bevölkerungspolitik, die Briten wollten unter Tony Blair die Kinderarmut verringern. In Deutschland gelte das Prinzip des Sowohl-als-auch, sagt Spiess: Einerseits will der Staat Vereinbarkeit von Familie und Beruf und führt deshalb das Elterngeld ein, andererseits sind auch viele Maßnahmen auf die Alleinverdiener-Ehe ausgerichtet. Im Ergebnis geht es den Deutschen mit der Familienförderung ähnlich wie mit der Arbeitsmarkt- oder Gesundheitspolitik - sie funktioniert nach dem Motto: Viel Aufwand, wenig Ertrag.