DIE ZEIT: Öl und Gas sind teurer als je zuvor, US-Präsident George W. Bush attackiert deshalb die Ölkonzerne. Sie aber behaupten, hohe Preise seien halb so schlimm? Amory Lovins BILD

Amory Lovins: Das Ölgeschäft ist ein bisschen verrückt. Politische und ökonomische Umstände machen den Stoff derzeit teuer; der Preis kann aber auch wieder sinken. Am besten ist in jedem Fall, man verbraucht viel weniger von dem Zeug. Technisch ist das sehr preiswert machbar.

ZEIT: Das glauben auch manche Politiker – und machen sich, wie Bush, für mehr Kernkraft stark.

Lovins: Vielleicht hat Präsident Bush vergessen, dass Öl und Kernkraft rein gar nichts miteinander zu tun haben. In den USA produzieren wir jedenfalls weniger als drei Prozent des Stroms aus Öl.

ZEIT: Erdgas wird aber schon zur Stromproduktion eingesetzt.

Lovins: Richtig, bei einem Fünftel des Stroms in den USA. Aber das ist nicht der Grundlaststrom, der in Kernkraftwerken hergestellt wird. Erdgas und Kernenergie sind deshalb keine Konkurrenten. Und: Auch die Hälfte des Erdgases ließe sich durch effiziente Verwendung einsparen – zu Kosten, die rund ein Fünfzehntel des heutigen Gaspreises betragen.

ZEIT: Niemand muss sich also um die sichere Gas- und Ölversorgung ängstigen, obwohl früher oder später auch die Vorräte zur Neige gehen?

Lovins: Anlass zur Sorge gibt es, aber auch ein preisgünstiges Gegenmittel: den Ölverbrauch durch Verdoppelung der Energieeffizienz zu halbieren. Pro eingespartes Fass kostet das etwa zwölf Dollar. Die übrige Hälfte des jetzigen Ölverbrauchs lässt sich dann auch noch durch Erdgas und Biokraftstoffe ersetzen – zu Kosten von rund 18 Dollar pro eingespartes Fass Öl. Für im Durchschnitt 15 Dollar pro Fass könnten wir uns also vom Öl verabschieden.

ZEIT: Warum propagieren trotzdem viele Politiker den Bau neuer Kernkraftwerke?

Lovins: Ich halte das für einen Ausdruck kollektiver Vergesslichkeit. Sie tritt alle zehn Jahre auf, wenn eine neue Generation von Politikern, auch Journalisten, auf den Plan tritt. Vergangenes Jahr hat der US-Kongress zusätzliche Subventionen für die nächsten sechs Kernkraftwerke gebilligt, die möglicherweise in den USA gebaut werden. Trotzdem sagt die führende Ratingagentur, Standard & Poor’s, dass diese Hilfe die Kreditwürdigkeit der potenziellen Betreiber nicht substanziell verbessern wird. Die Kernkraft ist längst dem tödlichen Angriff des Marktes zum Opfer gefallen.

ZEIT: In Ländern wie China, Indien und Russland offenbar nicht?

Lovins: Weil dort Kernkraftwerke von staatlichen Wirtschaftsplanern geordert werden. Privates Risikokapital scheut die Nuklearenergie, weil sie teuer und riskant ist. Deshalb sind Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung und erneuerbaren Energien – wir nennen das Micropower – weltweit längst viel bedeutender als die Nuklearenergie. Mich überrascht, dass ausgerechnet Marktliberale sich für eine Energieform stark machen, die sich am Markt nicht durchsetzen kann. Das hat religiöse Züge.

ZEIT: Die Anhänger der Kernkraft sorgen sich um die Sicherheit des Energienachschubs.

Lovins: Das ist wohl eher eine Ausrede. Hinter der Kernenergie stehen die größte Lobby und die größte Bürokratie.

ZEIT: Ihre neueste Studie haben Sie mit Unterstützung des Pentagons geschrieben. Warum interessiert sich das Verteidigungsministerium für Energieeffizienz?