Eine Autobiografie schreiben, das wollte sie nie. Aber alles, worüber sie schrieb, hatte mit dem eigenen Erleben zu tun: ihre viel gespielten Bühnenstücke, ihre polyfonen Romane, ihre an Gesänge erinnernden Erzählungen. Nur so, erzählt sie mir bei einem Gespräch in ihrer Berliner Wohnung, könne sie die richtige Emotion des Moments zu fassen bekommen: durch die Augen der anderen, mit den Stimmen der vielen. Gerlind Reinshagen, die großartige Portätistin der alten Bundesrepublik BILD

Gerlind Reinshagen wurde mit ihrer unverwechselbaren Methode zur literarischen Porträtistin einer Generation und einer Zeit. Ihre Werke sind Gruppenbilder, gewöhnlich mit Dame, auf denen man, mit allen Merkmalen der Zeitgenossenschaft, die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland über die Jahre und Jahrzehnte verfolgen kann. »Ich habe eben das geschrieben, was mich im Moment sehr beschäftigt hat«, sagt sie.

Mit ihrem bekanntesten und erfolgreichsten Theaterstück, Sonntagskinder von 1976, gab sie denen eine Stimme, die, wie sie selbst, mit dem Krieg aufwuchsen und deren eigenes Leben gerade dann anfing, als alles in Trümmern lag. Für sie gab es kein Erbe und nicht einmal die Gnade der späten Geburt.

Eine Clique Halbwüchsiger in einer deutschen Kleinstadt wie Halberstadt, wo Gerlind Reinshagen ihre Kindheit verbrachte – das sind die Sonntagskinder: Die Mädchen schwärmen für Frontsoldaten, wie andere später für Popstars schwärmten, und schreiben ihnen verliebte Briefe. Die Jungen ziehen – mit Stolz – in den Krieg und kommen selten zurück. Sie leben unter Frauen, Kindern, Krüppeln und Kranken, in einem ständigen Provisoriun, planlos, zukunftslos, mit der frühen Erfahrung von Tod und Verlust, aber auch in einer seltsam anarchischen Kinderwelt, die niemand kontrolliert. Auf die späteren Fragen der Kinder dieser Kinder, wie es denn eigentlich gewesen sei unter den Nazis und im Krieg, gab dieses Stück endlich eine Antwort. Und die war sehr viel konkreter als die übliche Auskunft, es sei schrecklich gewesen und man dürfe niemals Brot wegwerfen. In einer generationsübergreifend verständlichen Kunstsprache sagte es, wie es sich angefühlt hatte, damals jung zu sein. Sogar in der Fernsehverfilmung (von 1980) gelang das.

»Kinder finden Krieg ja auch spannend, wir hatten ja unheimliche Freiheiten. Die Kraft, die daraus kommt.« Gerlind Reinshagen sagt das so, als zehre sie heute noch von ihr. »Die alten Verhältnisse, die kamen einem danach dann lächerlich vor. Die Hierarchien – durch die Kriegsereignisse ist man da gar nicht mehr richtig hineingekommen.« Und die Restauration, die habe ja funktioniert.

Sie arbeitete nach dem Studium als Apothekerin, heiratete, hatte Kinder und behielt ihren kritischen Blick auf das wirtschaftswunderliche Deutschland. Irgendwann begann sie Hörspiele zu schreiben, ein knappes Dutzend, dann reichte ihr dieses Medium nicht mehr. Es sei ihr zu einfach geworden, und dann habe sie die Idee für die Bühne gehabt: ein Betriebsfest, sieben Leute in einer Kneipe, der Ehrgeiz, die Intrigen, das Gerede. Daraus wurde ihr erstes Theaterstück Doppelkopf, das Claus Peymann, der damals noch ein junger wilder Theatermacher war, 1968 in Frankfurt inszenierte. Es traf einen Nerv, es passte in die Zeit, wie so vieles, das Gerlind Reinshagen schrieb.

»Ich hatte mir die Verhältnisse schon angeguckt, wie es in den Betrieben war. Aber ich hatte nicht die Absicht, ein linkes Stück zu schreiben – nicht mit dem Bewusstsein, da ist eine neue Ära, und du willst da mitmachen.« In ihrer ersten Prosaarbeit, Rovinato oder Die Seele des Geschäfts, ging es wieder um die Arbeitswelt: um einen ganz normalen Montagmorgen im Geschäft. Von da an galt sie eine Weile als »Autorin der kleinen Leute«. Damals ging das ohne weiteres als Kompliment durch.