Ein Sankt Petersburg, das kaum ein Tourist finden kann, zeigen Katharina Tiwalds Streifzüge durch die Stadt - verstörend eindringliche Wanderungen zwischen Essay, Erzählung, literarischer Spurensuche, Reportage und Gesprächsprotokollen. Die junge Wienerin, Jahrgang 1979, zeigt, dass nicht ihre Heimatstadt die europäische Metropole des kulturell überformten Memento mori ist, sondern das ehemalige Leningrad. Sie führt in ein Museum für Thanatologie (Lehre vom Sterben), lässt Künstler zu Wort kommen, die sich Nekrorealisten nennen, besucht die Museen des Schreckens, wo die Dokumente der Nazi-Hungerblockade gegen Leningrad liegen, nimmt den Leser mit auf immer noch totgeschwiegene Friedhöfe namenloser Stalinopfer. Also ein todtrauiges Stadtporträt? Nein. Es funkelt von Leben und Witz. Wie denn ein typisch russisches Begräbnis ablaufe, frage ich. Jufit schaut mich verdutzt an, runzelt die Stirn und sagt ratlos: Na ja... man hat Spaß und säuft! Philosophen und Lebenskluge wissen es längst: Gute Bücher vom Tod sind Bücher über das Leben.

Katharina Tiwald: Die erzählte Stadt. Unbekanntes Sankt Petersburg - Herbig, München 2006 - 224 S., 17,90 Euro