Auf den Termin mit Horst Köhler freut Muhabbet sich schon jetzt, und er sieht ihm gelassen entgegen. Noch weiß er nicht genau, was er im Beisein des Bundespräsidenten sagen wird, aber da wird man schon rechtzeitig gebrieft werden, und der Rahmen ist ja klar: 15. Mai, Familientag in Deutschland, eine repräsentative Geschichte mit repräsentativen Leuten, bei hoffentlich schönem Wetter draußen unter den Linden, wo die Hauptstadt sich in Sonntagskleidern zeigt. Da werden einige ganz schön Augen machen, »wenn der Köhler da steht und einfach der Muhabbet auftaucht«. Weil so was bislang eben nicht normal ist. Und weil das mal ein ganz anderes Bild abgibt in den Medien. Murat Ersen alias Muhabbet ist türkischer Abstammung und kommt aus Köln-Bocklemünd BILD

Normal war und ist bislang das Gegenteil, das Bild vom jugendlichen Problemtürken, der die Einheimischen in Angst und Schrecken versetzt, weil er auf unverbesserliche Weise dazu neigt, sich in Gangs zusammenzurotten, auf dem Schulhof mit Drogen zu dealen und alles in allem die Kriminalstatistik nach oben zu treiben. Ob in den Nachrichten oder neuerdings im Kino, immer nur Bandenkriege, Zwangsheirat, Ehrenmorde. Murat Ersen, wie Muhabbet bürgerlich heißt, sagt nicht, dass es das nicht gebe, genauso wenig wie er sagt, dass man als Mensch ausländischer Herkunft, Türke in seinem Fall, immer nur gute Erfahrungen mache mit den Deutschen. Aber zum einen »geh ich von dem bisschen Diskriminierung nicht unter«. Und zum Zweiten muss man nicht gleich jedem Klischee entsprechen.

Er selbst ist das beste Beispiel dafür, redegewandt und höflich, wie er auf der Couch seiner Plattenfirma sitzt, um über sich, sein gerade erschienenes Album R’n Besk und die ihm zugewachsene Repräsentantenrolle zu sprechen. Keine Tattoos, keine Ey-Alta-Ansprache, kaum Akzent, und wenn doch, dann kommt eine rheinische Färbung durch, denn Muhabbet stammt aus Köln-Bocklemünd. Bocklemünd, »das ist wie Rütli als Viertel«, ein Problemkiez draußen vor den Toren der Stadt, »Platte, in den Sechzigern hochgezogen, für sozial Schwache in dem Sinne«. Von früher hat er noch die Ansage des Schaffners im Ohr: Zug endet hier. »Da haben wir Jugendlichen uns gesagt: und unsere Träume auch.« Umso mehr setzt Muhabbet heute auf einen anderen Weg. Der unfreundlichen Bäckersfrau gegenüber »ne saubere deutsche Sprache auflegen« zum Beispiel. Einfach vernünftig das Brötchen bestellen und beim Rausgehen ein schönes Wochenende wünschen, weil: Da ist die baff.

Weit hat er es mit dieser Verblüffungsstrategie gebracht, nicht nur zur Bundesregierung und zu deren »Schau hin«-Aktion, sondern auch in die Bravo, wo er sich für die »Schau nicht weg«-Kampagne einsetzt. In Zusammenarbeit mit Unicef ist »Auf geht’s in die Schule, Mädchen!« geplant, eine weitere Kampagne, die im türkischen Hinterland mehr Bildung ermöglichen soll, von den vielen Autogrammsessions bei Saturn und anderswo ganz zu schweigen. Am größten aber ist die Anteilnahme im Internet. Mehr als eine Million Mal wurde Sie liegt in meinen Armen heruntergeladen, Muhabbets Smash-Hit, und noch immer diskutieren Fans in den zugehörigen Foren, wie es dazu kommen konnte und warum das Lied so gut ist. Zu Recht spricht die Plattenfirma, bei der Murat alias Muhabbet durch diesen massiven Zuspruch untergekommen ist, von einem »soziokulturellen Phänomen«. Muhabbet verspricht Integration ohne Selbstaufgabe. Er verkörpert mit seinen 21 Jahren In- und Ausland zugleich.

R’nBesk, der Stil zum Phänomen, ist die Musik der Einwandererkinder der dritten Generation, von Jugendlichen, die längst selbstverständlich Deutsch sprechen und den Wertehintergrund ihrer Eltern mit einer gewissen Distanz betrachten. Ohne das Deutsche als verbindende Verkehrssprache wäre gar nicht möglich, dass neben jungen Türken auch Marokkaner, Kroaten, Rumänen und Kurden zu Muhabbet-Konzerten kommen. Aber sie kommen zuhauf, denn darüber hinaus verbindet der Rückgriff auf orientalische Schlagertraditionen, Balkanfolklore, türkische Arabeskmusik. Es ist ein Rückgriff aus der Ferne, eine wehmütige Erinnerung an die Herkunftskultur, ausformuliert in klagenden Melismen und frei vor sich hin mäandernden Versen. Mein Herz ist schwer, du fehlst mir sehr, ich will zu dir, komm doch zu mir – viel mehr Text kennt R’nBesk nicht, doch an dieser Grundmotivik wird endlos weitergewoben, während drunter synthetische Beats donnern.