Vielen, zumal in Europa, gilt die globale Vorherrschaft Amerikas als Unglück. Sie sehen die Vereinigten Staaten als selbstsüchtige Weltmacht, die rücksichtslos mal hier, mal dort zuschlägt. Diesem Denken erscheint Amerika als Goliath der Moderne. Sehnsüchtig wird die Ankunft eines David erwartet, der den Globus vom Joch des Philisters befreit. In The Case for Goliath dreht Michael Mandelbaum das Argument um. Er attestiert den Vereinigten Staaten, sie nähmen »Funktionen einer Weltregierung« zum Wohle aller (oder doch zumindest aller Demokratien) wahr. Mandelbaums Amerika sieht allenfalls »wie Goliath aus, handelt aber nicht so«.

In der These vom »Imperium Amerika« steckt der Vorwurf, Amerika missbrauche seine Macht jenseits seiner Grenzen. Zweifelsohne erinnern Erscheinungsformen amerikanischer Macht an historische Kolosse, etwa durch die Dominanz von Militär, Sprache und Wirtschaft. Mandelbaum, der amerikanische Außenpolitik an der Johns Hopkins University lehrt, erinnert aber an die klassische Definition des Imperiums als »Diktatur von Ausländern«. Anders als die Imperien früherer Tage übe Amerika kein Gewaltmonopol aus und kontrolliere »nicht die Wirtschaft und nicht das politische Leben anderer Gesellschaften«. Und wo es zeitweise Herrschaft ausübe, versuche es sich so schnell wie möglich wieder zurückzuziehen. Für Mandelbaum führt der Gebrauch des Begriffs »Imperium« nur zu »fehlerhaften Folgerungen über die Ursprünge amerikanischer Außenpolitik sowie die Verteilung von deren Kosten und Nutzen«.

Wie die meisten Anhänger der »realistischen Schule« der Außenpolitik glaubt Mandelbaum, die Welt profitiere von einem Hegemonen als ordnender Kraft. Er sieht Frieden, Demokratie und freie Marktwirtschaft als Ideen, die den Globus beherrschen, und Amerika als deren Garanten. So habe sich Amerika »zufällig, nicht vorsätzlich« zu einer rudimentären »Ersatzregierung« der Welt entwickelt. Jedenfalls erbrächten die Vereinigten Staaten aus Eigennutz, nicht aus Altruismus »Dienstleistungen«, die sonst Regierungen für ihre Bürger anböten. Die Alternative zur heutigen Rolle Amerikas sei »nicht mehr, sondern weniger Weltregierung« auf einem »ärmeren und gefährlicheren« Globus.

Die offensichtlichste Dienstleistung ist Sicherheit. Gegner werden abgeschreckt und Partner beruhigt. Während des Kalten Krieges ermöglichten Amerikas Sicherheitsgarantien Europäern die angstfreie Zusammenarbeit mit dem kaum resozialisierten Deutschland. Heute erlaubt Amerika Russlands europäischen Nachbarn, ruhig zu schlafen. Ohne Amerika gäbe es schwerlich eine Nichtverbreitungspolitik für Kernwaffen. Nach Mandelbaums Lesart sorgt Amerikas ökonomische Weltregierung für Eigentumsschutz, Vertragsfreiheit, sichere Handelswege, Rohstoffzugang, eine Weltwährung sowie ansteckendes Wachstum. Wäre Amerika ein Imperium, kontrollierte es seine Besitztümer und beutete sie aus. Stattdessen zahle Amerika für jene öffentlichen Güter, die andere nutzten. All die Trittbrettfahrer, so Mandelbaum, klagten nur, zahlten aber nicht.

Mandelbaums These lässt sich durch einfache Beobachtung des Weltgeschehens nur schwer bestätigen. In der Ära Bush zeigt sich ja gerade, dass Amerika nicht die Mittel, nicht den Willen und auch nicht die öffentliche Unterstützung zur Weltregierung hat, nicht militärisch und schon gar nicht ökonomisch. Die Kritik an Amerikas Rolle versteht Mandelbaum als Doppelzüngigkeit. Umgekehrt fällt ihm schwer, in Machtausübung nicht Universalismus, sondern amerikanischen Nationalismus zu sehen. Trotzdem ist sein Buch gerade für deutsche Leser wertvoll. Es erinnert daran, dass Frieden und Prosperität in Deutschland auch heute nicht voraussetzungslos sind.