Die ZEIT: Frau Macha, die Geschlechtergerechtigkeit in Familie und Arbeitswelt ist einer Ihrer großen Forschungsschwerpunkte. In Deutschland schaffen es die wenigsten Frauen ganz an die Spitze. Andererseits zeigen Mädchen immer bessere Leistungen. Mehr Mädchen als Jungen machen Abitur. Passt das zusammen?

Macha: Die Mädchen haben heute bessere Chancen als früher, das Bildungssystem hat sich geschlechtergerecht entwickelt, und trotzdem zeigt die Eliteforschung, dass Mädchen bei weitem nicht so gefördert werden wie Jungen. In der Grundschule überspringen noch wesentlich mehr Mädchen als Jungen eine Klasse. In der Oberstufe gibt es kaum noch Mädchen, denen diese Chance gegeben wird. Mädchen fallen mit ihrer Hochbegabung oft nicht auf, weil sie in der Breite begabt und sozial unauffällig sind. So nach und nach verschwinden sie aus dem Sichtfeld der Lehrer. Und sie fangen selbst an, sich klein zu machen, weil sie merken, dass sie sowieso keine Anerkennung für ihre Leistungen bekommen. Sie werden regelrecht entmutigt.

Die ZEIT: Sie fordern eine neue Kultur der Ermutigung und Anerkennung. Wie könnte die aussehen?

Macha: Wir versuchen derzeit in einem Mentoring-Programm an der Universität Augsburg Schülerinnen zu ermutigen, etwa ein naturwissenschaftliches Studium aufzunehmen. Sie bekommen eine Studentin als Mentorin zur Seite. Die Studentinnen wiederum bekommen Mentoren aus den relevanten Berufsfeldern. Am besten wäre es, wenn sich solch eine Förderung und Unterstützung durchziehen würde – beispielsweise bis zu einer Professur. Damit die Frauen gar nicht erst wieder anfangen, an sich zu zweifeln.

Die ZEIT: Zweifeln Frauen mehr als Männer?

Macha: Männer zweifeln natürlich auch, aber die lassen sich dadurch nicht so schnell am Weiterlaufen hindern. Frauen dagegen stellen ständig und grundsätzlich alles infrage, und das ist verheerend. Ich höre immer wieder von Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, dass die Frauen trotz guter Förderung irgendwann doch abbrechen. Es ist bestürzend, dass schon die Studentinnen nicht wirklich an einen Aufstieg glauben.

Die ZEIT: Woran liegt das? Wollen die Frauen am Ende gar nicht richtig?

Macha: Frauen sind auf der Karriereleiter einem schleichenden Diskriminierungsprozess unterworfen. Man nennt das inzwischen auch »Vergeschlechtlichung in Organisationen«. Es gibt eine unsichtbare gläserne Decke, die Frauen immer wieder daran hindert, zur Elite aufzusteigen. Viele Mechanismen geschlechtsspezifischer Unterschiede werden dabei aktiv erzeugt und konstruiert. Das funktioniert natürlich nur so lange, wie sich die Frauen entsprechend verhalten. Women don't ask heißt ein aktuelles Ergebnis in der Eliteforschung: Frauen fragen intuitiv viel weniger und seltener nach mehr Gehalt und mehr Verantwortung. Also haben sie weniger Zugriff zu den Spitzen der Verwaltungen, der Universitäten oder Unternehmen und damit auch keinen Zugriff auf Gelder und Entscheidungsprozesse.

Die ZEIT: Wie kommen die Frauen aus dieser Spirale heraus?

Macha: Die Frauen müssen jetzt den nächsten Schritt der Emanzipation gehen: Sie müssen gewillt sein, für ihre Karriere einen gewissen Preis zu zahlen. Sehr viel arbeiten und bereit sein, für ihren Erfolg einiges einzusetzen.

Die ZEIT: Heißt das, am besten gar keine Kinder zu bekommen?

Macha: Nein, das heißt es eben nicht. Frauen müssen nur endlich bereit sein, die Verantwortung für Familie und Kinder mit dem Mann oder der Kinderfrau zu teilen.