Das Ende der Gemütlichkeit

Wie lange brennen 50 Euro? Mit dieser Frage wirbt der Briketthandel, um "Verbrauchern einen Ausweg aus der Kostenfalle" zu zeigen. Für 50 Euro, so rechnet die RWE-Tochter Rheinbraun auf ihrer Internet-Seite (www.heizprofi.com) vor, ließe sich ein Durchschnittshaus mit Heizöl sieben Tage lang beheizen, mit einem Gasbrenner acht Tage und mit Braunkohlebriketts volle elf Tage. Die Geiz-ist-geil-Nation hat begriffen: Omas Ofen ist nicht nur urgemütlich, sondern auch extrem billig. Und der Brennstoff Holz, am besten selbst gefällt und gesägt, ist sogar noch günstiger als die Brikettfuhre.

"Der Festbrennstoffmarkt boomt. Die Geräteindustrie hat Lieferzeiten", jubelt das Fachblatt Brennstoffspiegel. Das Geschäft mit Kettensägen und Öfen floriert. Dübelgroße Presslinge aus Holzspänen, so genannte Pellets, waren im Winter vielerorts ausverkauft (siehe Grafik nächste Seite). Der Brikettabsatz beim Marktführer Rheinbraun ist "im ersten Quartal 2006 um ein Drittel gestiegen", sagt dessen Marketingfachmann Heinz Zollner. Beim Scheitholz, das Rheinbraun ebenfalls verkauft, lag der Zuwachs sogar bei 50 Prozent. "Er hätte auch höher ausfallen können", sagt Zollner, "aber wir waren ausverkauft." Der Experte für Festbrennstoffe schätzt den jährlichen Absatz in Deutschland auf etwa 800000 Tonnen Briketts und 13 Millionen Tonnen Holz.

Die Abgase aus den Öfen könnten mehr als 20 000 Tote jährlich fordern

Der kollektive Drang zur sparsamen Gemütlichkeit beim Heizen hat jedoch auch Schattenseiten. So starben im ersten Vierteljahr 2006 allein in Norddeutschland zehn Menschen beim Kaminholzschneiden – durch falsches Hantieren mit Motorsägen. Hinter dem traurigen Rekord verbirgt sich ein Vielfaches an schweren Verletzungen. Um solche Selbstverstümmelungen zu verhindern, fordert Friedbert Bombosch von der Fachhochschule Göttingen dringend eine Aufklärungsoffensive.

Doch ungleich gefährlicher als lärmende Kettensägen sind die lautlosen Abgase aus den Öfen. Wissenschaftler warnen, dass Holz- und Kohleöfen nicht nur Gifte wie Dioxin, Teer und krebserregende Kohlenwasserstoffe (PAH) produzieren, sondern auch kilotonnenweise heimtückische Feinstäube – Letzteres sogar in derselben Größenordnung wie sämtliche Verbrennungsmotoren im Verkehr. Und dies würde pro Jahr mehr als zwanzigtausend Tote und Zigtausende Erkrankungen allein in Deutschland bedeuten.

Im März veröffentlichte das Umweltbundesamt (UBA) die neuesten Zahlen zu diesen "Nebenwirkungen der Behaglichkeit". Danach schleudern allein die Kamine und Holzöfen von Haushalten und Kleingewerbe 24000 Tonnen gesundheitsschädlichen Feinstaub in die Luft – alle Motoren von Pkw, Lkw und Motorrädern zusammen bringen es auf "nur" 22700 Tonnen. Deshalb fordert das UBA, der Ausstoß von Feinstaub aus kleinen Holzfeuerungsanlagen müsse "drastisch abnehmen".

Doch das Gegenteil ist der Fall, der Ausstoß steigt. So geht aus den UBA-Daten hervor, dass die Feinstaubemissionen aus Holzöfen seit 1996 kontinuierlich zugenommen und sich verdoppelt haben. Dieser Anstieg wurde jahrelang kompensiert durch sinkenden Staubauswurf aus Kohleöfen – Heizen mit Briketts galt als DDR-Hinterlassenschaft, der nur Ewiggestrige huldigten, denen Kohledreck, Aschestaub, Gestank und Schlepperei schnuppe waren.

Das Ende der Gemütlichkeit

Heizen mit Holz dagegen gilt als CO2-neutral und klimaschonend. Und da man auch den Armen nicht ihre Kohleöfen verbieten wollte, herrschte über allen Schornsteinen politische Ruhe, aus ökosozialen Gründen. Dies erweist sich nun als fataler Irrtum. Wegen horrender Öl- und Gaspreise erfahren Holz und Kohle eine ungeahnte Renaissance – sie werden mittlerweile durch mehr als zehn Millionen Ofenrohre verfeuert und führen verkehrspolitische Maßnahmen zur Feinstaubreduktion wie Rußfilter oder Tempolimits ad absurdum. Auch wer sonntags für die ganze Familie Koteletts und Chicken-Wings über Kohleglut oder Birkenscheit brutzeln lässt, verdankt seinen inneren Frieden der Ahnungslosigkeit. Mit jeder Freiluftschlemmerei bringt er Myriaden Staubpartikel in Umlauf – eine Gasetagenheizung schafft nicht einmal in einem ganzen Jahr so viel.

Was die Liebe zu urigen Feuertechniken bewirkt, das verdeutlichen Zahlen aus dem baden-württembergischen Umweltministerium. Der Standard für Ute Maier, dort zuständig für Immissionsschutz, sind die saubersten Hausheizungen, nämlich jene mit Gas. Dann rechnen sie und ihr Kollege Oskar Grözinger vor, wie viel mehr Dreck andere Brennstoffe für die gleiche Energiemenge verursachen. "Kleinfeuerungsanlagen geben mit extraleichtem Heizöl etwa 60-, mit Kohle etwa 1800- und mit Holz etwa 3500-mal mehr Feinstaub ab" als Gasheizungen, mahnten die beiden im Oktober vergangenen Jahres auf einem Holzfeuerungskolloquium an der Universität Stuttgart.

Auf dem Kolloquium wurde deutlich, dass Holz ein äußerst komplexer und entsprechend verschmutzungsträchtiger Brennstoff ist. Im Gegensatz zu Gas, das chemisch klar definiert ist und sauber verbrennt, besteht Holz aus einer Fülle von Naturstoffen, aus Salzen, die in der Asche oder im Feinstaub landen, aus Fetten, Eiweißen, Zuckern, Harzen, Wachsen, Terpenen und Phenolen. Hauptbestandteile sind Zellulose, Lignin und viel Wasser. Letzteres muss vor dem Verbrennen erst einmal verdampfen, gleichzeitig entsteht eine Fülle brennbarer Gase. Pyrolyse heißt dieser Prozess, bei dem sich pech- und teerartige Destillate aus Hunderten verschiedener Stoffe bilden, chemisch ein finsteres Gebräu. Erst wenn dieses verbrannt oder verdampft ist, liegt Holzkohle vor.

Die Pyrolyse, auch Verschwelen oder Verkoken genannt, überließ man früher den Köhlern, die ihre stinkenden Meiler im Wald zu betreiben hatten. Auch die Holzkohle ist kein reiner Kohlenstoff, sondern ein Gemisch aus vielen organischen Verbindungen, das weitgehend flammenlos unter reichlich Grillgeruch verbrennt. Als Grundregel gilt: Wenn Holzheizungen rauchen und riechen, dann produzieren sie viele Feinstäube. Gleiches gilt für die jetzt wieder angefeuerten Holzgrills – wenn sie qualmen und duften, staubt es tüchtig.

An Staubschleudern prangt das Ökozertifikat "Blauer Engel"

Da Rinde anders verbrennt als Weich- oder Hartholz, da dicke Scheite anders ausgasen als dünne Hackschnitzel oder gar kleine Pellets und Sägemehl, ist Holz ein anspruchsvolles Heizmaterial, das möglichst in die Hände von Profis gehört und in Kessel, die speziell auf das Brenngut zugeschnitten sind.

Doch just das Gegenteil ist der Fall: Meist verheizen feuerungstechnische Dilettanten Holz unterschiedlichster Qualität in primitiven Öfen. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass ein einziger durchschnittlicher Privatheizer mit seinem meist alten Holzofen die Luft stärker belastet als die 3000 (überwiegend modernen) Gasheizungen einer ganzen Kleinstadt.

Das Ende der Gemütlichkeit

Dabei räuchern unsere neuzeitlichen Holzköhler ganz legal. Die weitaus meisten Kamin-, Kachel- oder Küchenöfen haben nämlich eine Wärmeleistung unter 15 Kilowatt. "Für solche Anlagen gibt es bisher keine Grenzwerte", konstatiert das UBA trocken. Deshalb fordert das Amt eine rasche Änderung der 1. Bundes-Immissionsschutzverordnung, kurz 1. BImSchV genannt, die den Betrieb kleiner und mittlerer Feuerungsanlagen regelt. Diese Verordnung, da sind sich alle Fachleute einig, ist völlig überholt und stammt aus einer Zeit, als man Feinstaub gesundheitspolitisch noch gar nicht kannte, sondern allenfalls als lästige Ablagerung auf alten Akten.

Inzwischen hat sich der Wind kräftig gedreht. Verschärfte Vorschriften der EU führen zu massiven Überschreitungen der Grenzwerte für Feinstaub in der Luft, vor allem in verkehrsreichen Städten. Dies zwingt die Kommunen, Luftreinhaltepläne zu entwickeln und in den Verkehr einzugreifen, mit Tempolimits oder Sperrungen ganzer Straßen. Doch dies erweist sich oft als enttäuschend wenig wirksam, insbesondere bei so genannten Inversionswetterlagen im Winter. Dann können die Schadstoffe nicht wie üblich kilometerweit nach oben aufsteigen, sondern sammeln sich in einer Dunstglocke in den untersten hundert Metern. Aus diesem Grund kam es auch in deutschen Städten im vergangenen Winter zu massiven Feinstaubbelastungen, Ende April hatten bereits 16 Städte das zulässige Jahreslimit überschritten.

Besonders heftige Diskussionen gab es jüngst in der Schweiz. Dort hatten elf Kantone auf Autobahnen ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern verfügt. Fast gleichzeitig sorgten Messungen des überwiegend staatlich finanzierten Paul-Scherrer-Instituts (PSI) für Aufsehen. "Holzfeuerungen bezüglich Feinstaub unterschätzt", lautete die Botschaft, die europaweit Konsequenzen haben dürfte.

Mit präziser Detektivarbeit haben Atmosphärenchemiker des PSI analysiert, woher die Feinstäube in zwei Schweizer Bergdörfern stammen: ob von den nahen, international bedeutenden Autobahnen oder aus heimischen Schornsteinen. In dem Dorf Roveredo an der San-Bernardino-Achse kamen sie zu einem frappierenden Ergebnis: "Im Dezember war der Anteil aus Holzfeuerungen vier- bis sechsmal größer als jener aus fossilen Quellen." Im Klartext: Die Dörfler staubten mehr als der Autobahnverkehr. Messungen anhand von radioaktivem Kohlenstoff (C14) haben die stillen Holzstinker entlarvt.

Die Atmosphärenchemiker nutzten hierzu die bewährte Radiokarbonmesstechnik zur Altersdatierung. Frisches Holz enthält C14, den der Baum aus der Luft durch Fotosynthese aufgenommen hat. Beim Verbrennen entstehen daraus Ruß oder kohlenstoffhaltige Partikel, auch diese strahlen schwach. Anders hingegen Benzin- oder Dieselpartikel. Sie stammen aus fossilem Erdöl. C14 zerfällt nämlich in 5730 Jahren jeweils zur Hälfte, nach Millionen Jahren ist es vollständig verschwunden. Quillt also Ruß aus dem Auspuff, dann strahlt dieser überhaupt nicht.

Zusätzlich überführten die Wissenschaftler die Holzheizer mit chemischen und physikalischen Analysen. So entsteht bei der Holzverbrennung durch Pyrolyse aus Zellulose reichlich Levoglucosan. Verbrennungsmotoren produzieren diesen Stoff nicht. Und siehe da, es war viel Levoglucosan in der Bergluft. So fanden die PSI-Forscher auch an der Station Moleno der Gotthardautobahn die Spur der benachbarten Heizer. Obwohl deren Feuerstellen von der Messstation weiter entfernt waren als die nahe Autobahn, übertrafen auch sie zeitweise die Verkehrsemissionen. Auf der Basis solcher Resultate vermuten die Schweizer Forscher, "dass der Beitrag der Holzfeuerungen zu den hohen Feinstaubemissionen in der Schweiz und Europa teilweise klar unterschätzt wird".

Trotz harscher Kritik an den bestehenden Öfen sind sich alle Forscher einig, dass eine klimaneutrale und saubere Nutzung der Holzenergie wichtig bleibt. Das Umweltbundesamt vergibt sogar für manche Holzpelletheizgeräte den "Blauen Engel". Im Vergleich zu vielen anderen Dreckschleudern auf dem Ofenmarkt mag dies plausibel erscheinen, dennoch führt es gutgläubige Verbraucher in die Irre. Die Vorstellung, dank Blauem Engel könne man reinen Gewissens die vergleichsweise sauberen Pellets verheizen, erweist sich angesichts der strengen Maßstäbe im Straßenverkehr als naiv. Pelletheizungen sind immer noch schmutziger als moderne Dieselmotoren ohne Partikelfilter.

Das Ende der Gemütlichkeit

Jeder empfände es als schlechten Witz, würden filterlose Dieselautos mit einem Umweltengel ausgezeichnet. Das weiß man auch im UBA. So schreibt das Amt zu Holzpelletfeuerungen mit Blauem Engel: "Zwar haben auch diese Anlagen immer noch höhere Feinstaubemissionen als Gas- oder Ölfeuerungen, sie können wegen des CO2-neutralen Brennstoffs aber einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz leisten." Hier wird mit verschiedenen Ellen gemessen: Für Dieselautos sollen Partikelfilter selbstverständlich werden – damit wären sie sauberer als Gasheizungen. Derweil subventioniert der Staat die Installation von Pellet- und Hackschnitzelheizungen, die bis zu hundertmal mehr Feinstaub emittieren als ein gefilterter Diesel.

Das Schweizer Umweltministerium (Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr und Energie) fordert, der "Vormarsch der Holzenergie darf nicht zu einer erhöhten Luftbelastung führen". Automatische Holzfeuerungen (mit mehr als 70 kW) müssten ab 2007 "schrittweise mit Filtern ausgerüstet werden". Und statt viele kleine Heizanlagen ohne Filter zu betreiben, solle "der Bau von Holzkraftwerken gefördert werden, die heute über hochwirksame Rauchgasreinigungssysteme verfügen".

Die Nasswäsche für Rauchgase erhöht die Energieausbeute

Droht damit kleinen Holzöfen das Aus? Auch das deutsche Bundesumweltministerium plant, in dieser Legislaturperiode die Immissionsschutzverordnung zu verschärfen. Konkrete Daten gibt es noch nicht. Da Klimaschutz nicht über Leichen gehen darf, setzen saubere Öl- und Gasheizungen die Standards. Die Ofenindustrie hofft, ähnlich wie einst die Autoindustrie, durch möglichst saubere Verbrennung ohne Partikelfilter auszukommen.

Dies wird bei Holz, insbesondere Scheitholz und Hackschnitzeln, nicht gelingen. Längst sind Filtersysteme in der Entwicklung: Elektrofilter sollen die Partikel aufladen und abscheiden. Metallspäne oder Metallgewebefilter im Ofenrohr können ähnlich wie die Katalysatoren im Autoauspuff Partikel durch Nachverbrennen vernichten. Allerdings droht Verstopfung mit Teer und Ruß – der Ofen geht aus. Vielversprechend scheint eine Nasswäsche des Rauchgases zu sein. Die Firma Schräder in Kamen hat eine "Hydrobox" aus Edelstahl entwickelt. Sie eliminiert nicht nur einen Großteil der Feinstäube, sondern erhöht auch die Energieausbeute, indem sie die Wärme aus dem Wasserdampf gewinnt, der bei der Verbrennung entsteht.

Mehr als zehn Prozent der Heizenergie entweichen mit dem Dampf aus dem Schornstein. Fängt man ihn durch Kühlen ein, tropft zwar literweise Wasser aus dem Schornstein, aber die Heizrechnung schrumpft merklich. Diese "Brennwerttechnik" ist bei modernen Gasheizungen Standard. Das Kondenswasser von Öl- und Holzöfen ist jedoch schmutzig, der Dreck muss entsorgt werden.

Welche Filter auch immer sich künftig durchsetzen, ein sauberer Ofen wird einige tausend Euro mehr kosten als das Schnäppchen aus dem Baumarkt. Dann verbrennen 50 Euro plötzlich anders: Die billigsten Brennstoffe erfordern künftig wohl die aufwändigsten und teuersten Heizgeräte und Filter. Mit krankmachendem Sparen wäre es dann vorbei. Eine Zivilisation, die auf den Mond fliegt, wird wohl eine saubere Holzheizung hinbekommen.

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