Hätte leicht schief gehen können. Hollywoods erster Kinofilm über den Terroranschlag vom 11. September 2001 hätte suhlen können im Schmerz des Tages und baden im Heroismus der Opfer. Der Massenmord ließe sich prima für einen hübschen Kassenschlager ausbeuten, Marke Katastrophen-Thriller. Denn in United 93 wird die Geschichte der Insassen jenes entführten Flugzeugs erzählt, das sein Ziel verfehlte.

Nicht in eine Kathedrale der Macht in Washington raste der Jet, sondern in ein Feld, 150 Meilen vor der Stadt. Die Passagiere, über Handy von den Flugzeugattacken auf das World Trade Center informiert, stürmten das Cockpit und retteten durch ihren Absturz die politische Führung des Landes - objektiv ein Opfertod. So ein Nationalepos kann eben nur die Realität schreiben, als Fiktion würde es für Kitsch gehalten. Zu verfilmen wäre eine Viktimologie des Amerikaners und dessen Überhöhung zum Tatmenschen im Angesicht des Terrors.

Derlei Versuchungen widersteht der englische Regisseur Paul Greengras.

Sein Film kommt weitgehend ohne ideologischen Klamauk aus. Er ist mehr Dokumentarspiel als Thriller. Er beginnt, unvermittelt und still, im einem Hotelzimmer, wo vier muslimische Männer am Morgen ihrer Tat beten. Und er endet, grün und still, mit der Luftaufnahme der Wiese, auf der das Flugzeug wenige Stunden später zerschellt. Dazwischen entfaltet sich die Handlung abwechselnd an drei Schauplätzen: der Fluggastkabine, dem Flugkontrollzentrum und der militärischen Luftabwehr. Anfangs scheint es, als werde nur Alltag abgefilmt.

Sprachfetzen sind zu hören, Unterhaltungen überlagern sich. Der Klangteppich der technischen Moderne breitet sich aus. Es ist, als würden kein Skript und keine Pointen gebraucht. Doch während die Schnittfrequenz steigt und sich das Chaos ausbreitet, reifen an jedem der drei Orte quälend langsam die Erkenntnisse: Die Entführer wollen das Flugzeug nicht heil landen - im Durcheinander wird es keine Autorisierung zum Abschuss des Jets geben.

Regisseur Greengras behandelt seine Firguren, als seien sie gleichberechtigt. Alle bleiben namen- und geschichtslos. In United 93 treten nur der Mann mit der Baseballkappe auf, die weinende Frau, der Blutende. Der Aufstand der Passagiere gegen ihre Peiniger ergibt sich eher naturwüchsig. Mehr aus der Verzweiflung denn aus Charakterstärke wächst der Widerstand. Bei Greengras ist das Motiv auch keineswegs, den Präsidenten oder ein paar Senatoren zu retten, sondern sich selbst. Das berühmte Let's roll, mit dem ein Passagier zur Attacke bläst, ist in United 93 bloß eine Nebenbemerkung. Kein Hollywoodstar darf jene Worte sprechen, die längst zum modernen Schlachtruf Amerikas geworden sind. Stattdessen setzt Greengras auf Laiendarsteller. Er hat als Fluglotsen jene Menschen rekrutiert, die damals im Kontrollzentrum tatsächlich Dienst schoben.

Die Helden werden nicht heroisiert und die Täter nicht dämonisiert.