Ein Bild wie so oft in den letzten 365 Tagen: Reisebusse säumen das Stelenfeld des Holocuast-Denkmals, Schulklassen springen heraus, fläzen sich auf den Steinen, lachen und albern herum. Abseits davon schauen vereinzelt Köpfe und Menschen aus dem wogenden Steinmeer heraus. Einige diskutieren in kleinen Grüppchen, andere haben es sich mit einem Becher Kaffee auf einem der Betonblöcke gemütlich gemacht und genießen die Sonne. "Auf einem Friedhof würde das keiner machen", staunt Artus Sander (61) und schüttelt den Kopf. Er und seine Frau sind ergriffen ob des Panoramas, das sich ihnen vom Rand der Gedenkstätte aus bietet: 20.000 Quadratmeter schwarz-grauer Stein. Herr Sander versucht, seine Eindrücke in Worte zu fassen: "Mich berühren vor allem die Ecken und Kanten, diese Schrägen. Das ist alles so schroff, so schwer fassbar. Unglaublich!"

Während Artus und Erika Sander weiter sichtbar berührt diese begehbare Riesenskulptur ergründen, sitzt Monika Gollup (47) etwas erschöpft auf einem Quader. Auch sie lässt ihre Empfindungen Revue passieren. "Ach, ich weiß nicht. Ich hab mich gar nicht so richtig damit befasst, aber irgendwie drückt das so, wenn man da durch geht. Diese Enge, diese Angst - das kann man schon nachempfinden." Trotzdem, etwas fehlt ihr: "Das ist einfach nur kalter Beton, da steht gar nichts drauf, noch nicht einmal die Namen der Opfergruppen. Da frage ich mich schon: Was soll das alles eigentlich?" 

Diese Frage stellten sich seit der Eröffnung des Mahnmals vor genau einem Jahr viele. Auch Lea Rosh, die Mit-Initiatorin und Vorsitzende des Denkmal-Förderkreises, weiß um dieses Unverständnis und um die Schwierigkeit einer Antwort darauf. "Das Echo auf dieses Denkmal war schon immer geteilt und zwiespältig. Das hat sich seit den Anfängen nicht geändert", sagte sie in dieser Woche bei einer Pressekonferenz. Heute würde etwa die Hälfte der Bevölkerung das Denkmal als solches annehmen. "Ich hoffe, wir können einen Teil der anderen Hälfte auch noch überzeugen".

Die nüchternen Zahlen jedenfalls sprechen eine deutliche Sprache: rund 3,5 Millionen Menschen haben das Stelenfeld seit der Eröffnung besucht, das sind 10.000 Menschen pro Tag. Etwa 490.000 davon tauchten ein in den unterirdischen "Ort der Erinnerung" mit seinem "Raum der Namen" und den umfangreichen Informationen über die Geschichte der Judenverfolgung und über die persönlichen Schicksale vieler Holocaust-Opfer. "Von einer Schlussstrichmentalität kann nun wirklich keine Rede sein", meint Lea Rosh. "Die Menschen kommen, und der Besucherstrom reisst nicht ab."

Auch Uwe Neumärker, Geschäftsführer der zuständigen Stiftung, kommt zu einem unmissverständlichen Ergebnis: "Das Denkmal ist ein Erfolg! Wenn von einem Denkmal in Berlin die Rede ist, dann meint man diesen Ort." Natürlich, die Reaktion der Menschen falle sehr unterschiedlich aus. "Das müssen wir aber so hinnehmen und akzeptieren. Die Stelenfeld-Besucher sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft."

Diese Gesellschaft tat sich lange schwer mit der Idee und dem Entwurf für ein "Denkmal für die ermorderten Juden Europas". Der feierlichen Eröffnung am 10. Mai 2005 ging eine scheinbar endlose 17-jährige Debatte voraus, bei der die Wogen zwischen Befürwortern und Kritikern zum Teil kaum zu glätten waren. Von "Stolpersteinen" war die Rede und davon, dass die Deutschen nun einen "Schlusstein" unter ihre Erinnerung an die Gräueltaten des NS-Regimes ziehen wollten. Gestritten wurde um die Größe und um die Kosten des Vorhabens, das mit 27 Millionen Euro aus Bundes-, also aus Steurmitteln bezahlt wurde.

So manch Kontroverse entspann sich auch um die Gestaltung des Info-Zentrums, um die beteiligten Firmen sowie um die alleinige Widmung für die jüdischen Opfer des Holocaust. Man befürchtete eine Hierarchisierung der Opfer und auch eine Art Mono-Aufmerksamkeit allein für diese Opfergruppe. Doch auch diese Einwänden können inzwischen entkräftet werden: Die Besucherzahlen der anderen Gedenkstätten sind nicht zurückgegangen, sondern gestiegen. Nach Meinung von Wolfgang Thierse, Vize-Präsident des Deutschen Bundestages und einst Bauherr des Mahnmals, steht das Stelen-Denkmal den anderen Gedenkstätten nicht im Weg. "In vielen Fällen regt es zu Besuchen weiterer Orte des Verbrechens an."

Die größten Widerstände gab es gegen den Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman und um den Ort des Mahnmals selbst. Eisenman sprach in seiner Rede bei der Eröffnungsfeier davon, dass "vielleicht gerade die Einfachheit und Nüchternheit den provokativen Charakter dieser Arbeit" ausmache. "Damit stellen wir die meisten bestehenden Vorstellungen von einem Denkmal in Frage." Allerdings, denn der Aufschrei in der Bevölkerung und Medienlandschaft nach Bekanntwerden des Entwurfs war groß. 2.711 nackte Stelen mitten in Berlin? Ein "Steinfriedhof" mitten in der deutschen Haupstadt? Die Erinnerung an den größten Schandfleck deutscher Geschichte mitten im Regierungszentrum?

Doch gerade die Standortentscheidung fand und finde weltweit Anerkennung, wie Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin betont. "Es ist schlichtweg einmalig auf dieser Welt, dass ein Tätervolk einen Gedenkort für sein größtes Verbrechen im Herzen des Täterlandes platziert." Auch Wolfgang Thierse sieht sich im Recht mit der Entscheidung: "Was wäre denn eine trauernde Figurengruppe im Tiergarten? Es wäre nichts. Dieses Mahnmal jedoch macht klar, dass wir uns vor diesem bösen und verbrecherischen Kapitel unserer Geschichte nicht drücken. Es ist und bleibt ein 'Stein des Anstoßes' im Zentrum der Republik."

Alle Verantwortlichen sind sich in diesen Tagen des Rückblicks einig: Das Denkmal tut seine Wirkung. Gerade in seiner stummen Wucht und in der "wichtigen Verbindung von Information und Abstraktion" (Thierse) entfalte dieses Mahnmal seine Kraft. Zwar ist die Stätte längst zu einem Teil eines jeden Touristenprogramms und der Stadtlandschaft in Berlin-Mitte geworden. Doch wie weit geht die Resonanz wirklich? Die Wegbereiter und Betreiber sehen diesen Punkt eher gelassen. Mangelnde Tiefe und Ernsthaftigkeit? "Bei einem Denkmal an einer vierspurigen Straße können sie generell weniger erwarten", beschwichtigt Neumärker. Gerade hier könne man die notwendige Stille des Gedenkens nicht finden. Und die vielen Touristen, die die Stelen als willkommene Gelegenheit für ein Picknick, für eine Kaffe- oder Stullenpause nutzen? Daran kann auch Lea Rosh nichts Schlimmes finden. "Das Interessante ist doch, dass die Menschen sich hinsetzen und dabei über das Denkmal reden. Das ist eine wunderbare Bestätigung für unser Konzept."

Inmitten des schattigen Stelenfelds klingt das etwas anders. "Das sind ja einfach nur Steine", bricht es da aus Ines Hampel (18) heraus. Alles wäre so unpersönlich, meint auch ihre Freundin Deborah Fort (21): "Das sagt doch irgendwie gar nichts über diese ganze Geschichte aus." Beide Mädchen stehen etwas verloren mitten im Labyrinth und wissen nicht so ganz, was sie damit anfangen sollen. Gesprochen hätten sie über das Mahnmal erst gerade eben, kurz bevor sie aus dem Bus gestiegen sind. "In der Schule war das kein Thema - jedenfalls nicht das Mahnmal hier." Genau das will Uwe Neumärker mit weiteren Aktionen seiner Stiftung ändern: "Unser Ziel ist Ähnliches zu schaffen wie das 'Holocaust-Teaching" in amerikanischen oder englischen Schulen. Wir müssen das Denkmal und das Gedenken auch weiterhin lebendig halten."  

Die Ideen sind da, was fehlt, ist Geld. Das jährliche Budget von rund zwei Millionen Euro wird von den Fixkosten verschlungen. Für ihre eigentliche Arbeit - Erinnern und Mahnen - ist die Stiftung also vor allem auf Spenden und auf die Erlöse aus den Buch-, CD- und DVD-Verkäufe angewiesen. Ines Hampel jedenfalls dreht sich auf dem Weg zum Bus noch einmal um: "Das hier ist auf jeden Fall mal etwas anderes, das hat nicht jede Stadt. Vielleicht ist es deswegen etwas Besonderes."