US-Außenministerin Condoleezza Rice mit ihrer israelischen Kollegin Tzipi Livni BILD Washington - Alles begann, als ein akademisches Arbeitspapier auf einer entlegenen Hochschul-Website erschien. Wochen später ist daraus (laut New York Times) ein »Feuersturm« geworden. Vom Einfluss einer »jüdischen Lobby« auf Amerikas Nahostpolitik schreiben die Autoren. »Antisemitismus!«, rufen die Kritiker. Es kracht, es blitzt, es steigt die Temperatur. So sehr, dass die Washington Post den erhitzten Kombattanten inzwischen »kalte Kompressen« empfiehlt.

Die Macht der »jüdischen Lobby« zu beschreiben ist verzwickt, bei diesem Wort werden böse Erinnerungen wach, allzu leicht klingt das wieder einmal nach Weltverschwörung. Die Typologie der Stereotypen aus dem Shylock-Syndrom liegen bereit. Nun gibt es aber tatsächlich Israel-freundliche Lobby-Gruppen. Über die wird man schreiben dürfen. Und man wird ein Traktat ernst nehmen müssen, das respektierte Politologen wie John Mearsheimer und Stephen Walt verfassen, Ersterer an der Universität Chicago, Letzterer an der Harvard-Universität. Die beiden behaupten erstens, dass die unbeugsame Unterstützung Israels Amerika schade. Und zweitens, dass diese Einseitigkeit Resultat erfolgreicher Lobby-Arbeit sei.

Es stimmt: Amerika unterstützt Israel massiv; die Bindung ist in den vergangenen Jahrzehnten enger geworden; die Beziehungen zu den arabischen Nachbarn Israels haben gelitten. Eine inneramerikanische Debatte über die Gründe für die proisraelische Politik ist überfällig. Die beiden Professoren wollten sie anstoßen. Ihnen nun den Antisemitismus-Vorwurf um die Ohren zu hauen – wie das zum Beispiel Eliot Cohen von der Johns-Hopkins-Universität tut – würgt die ernsthafte Debatte ab.

Das Problem von Walt und Mearsheimer sind nicht ihre antijüdischen Stereotypen, sondern ihre Argumente. Dass Lobby-Gruppen Einfluss auf amerikanische Politik nehmen, ist keine besonders originelle Beobachtung. Es ist sogar in Mode gekommen, Lobbys für politische Entscheidungen allein verantwortlich zu machen. Wir erinnern uns: Die texanische Öl-Lobby soll den Irak-Krieg angezettelt, die Alten-Lobby die Rentenreform verhindert und die National Rifle Association das Waffenverbot vereitelt haben. Zu den Klassikern aus dieser Serie zählt die Behauptung, der militärisch-industrielle Komplex regiere Amerika.

Dabei gehört es zur Gründungsgeschichte Amerikas, dass Ethnien sich zu Interessengruppen zusammenschließen. Wer in der Neuen Welt ankam, brachte die alte Heimat mit. Zuletzt demonstrierten Millionen von Latinos gegen eine Verschärfung der Einwanderungspolitik. Floridas kubanische Lobby nimmt Einfluss auf Washingtons Castro-Politik. Gefiele in Warschau Amerikas Politik nicht mehr, ginge Polnisch-Chicago auf die Barrikaden. Nach amerikanischem Verständnis entsteht Politik im offenen Widerstreit von Interessen. Denn eine Lobby kommt selten allein. Die Autoren Walt und Mearsheimer vergessen, in ihrem düsteren Gemälde der »jüdischen Lobby« die arabische Öl-Lobby zu erwähnen. Ob die wohl kein Geld hat und keine Gegenmacht ausübt?