Würde die Menschheit so viel Energie in ihr eigenes Fortkommen investieren wie in die Frage, wer Bob Dylan ist und wie sein Wirken auf Erden zu verstehen sei, womöglich stünde sie anders da. Aber die Schar derer, die partout wissen wollen, welche Saiten er bei seinem 93er Auftritt in der Großviehhalle von Sacramento aufgezogen hatte, welches Stück er in Berlin 2005 als drittes spielte und wie das alles in einem höheren Bedeutungssystem zu verorten ist, will und will nicht dahinschmelzen. Im Gegenteil: Dylans Never Ending Tour ist ein ebenso endloser Schreibanlass, und die Tatsache, dass er selbst seinen Exegeten weder Recht gibt noch jemals widerspricht, hat das Textaufkommen bekanntlich ins Phänomenale, ja Unüberschaubare gesteigert. Womit wir bereits mitten im Thema wären.

Bislang handelte es sich bei der so genannten Dylanologie nämlich um eine Kraut-und Rüben-Wissenschaft, die sich mit Vorliebe in der Erstellung von Listen, der Erhebung von Daten und sonstigen Detailansichten äußerte. Eine erkennbare Orthodoxie hat sich in diesem weiten Feld dies- wie jenseits des Atlantiks bislang nur in Ansätzen herausbilden können, was an Aussagen um das Kraftzentrum "Dylan" herum entstanden ist, gehorcht den Gesetzen des wilden Denkens. Jeder kann, jeder darf, viele wollen: Die Dylanologie – eine Annäherungsdisziplin, die in Methodik und Sprache dem Kultischen verpflichtet ist.

Nun aber erhebt sich eine neue, gewichtige Stimme im Konzert des Räsonierens. Die "erste kritische Gesamtinterpretation von Bob Dylans Werk in deutscher Sprache" verspricht der Berliner Lukas-Verlag zum bevorstehenden 65. Geburtstag am 24. Mai, eine Pioniertat, mehr noch: ein Opus magnum. Und tatsächlich, wer Richard Kleins 400 Seiten starke Studie My Name It Is Nothin zur Hand nimmt, den weht ein gänzlich anderer Wind an. Klein reibt sich an der "demokratischen Koexistenz schlechthin aller Vorlieben und Geschmacksunterschiede", er geißelt "unterkomplexe Topoi" und fordert Kriterienverbindlichkeit.

Wo bislang Aperçu war, soll ab sofort das Argument zählen, und wo jahrzehntelang blinde Faszination obwaltete die zähe Arbeit des Begriffs. Den Anfang bildet zwar eine Demutsgeste ("Dieses Buch ist ein Zwischenergebnis"), und am Ende steht ein lyrisches "Wer weiß", doch dazwischen wird jede Menge gewusst: Über Dylans zahlreiche Schaffensphasen, seinen Prophetismus und seine Masken, über untergründige Verbindungen zur Commedia dell’Arte, zum Gesang der Callas, zu Johnny Cash und Marianne Faithfull, zu Schönberg, Wagner, Heidegger… Dass auf Seite 29 erstmals das Inkommensurable ins Spiel kommt, ist auch kein Zufall. Als ausgebildeter Musikwissenschaftler hält Klein es mit einem Mann, der bislang unverdächtig war, das Nachdenken über Rockmusik vorangetrieben zu haben.

Theodor W. Adorno geistert mal im-, mal explizit durch die Zeilen und fordert Tribut. Von einem Paradigmenwechsel in Sachen Dylan zu sprechen wäre übereilt, obwohl dieses Wochenende in Frankfurt am Main bereits ein ganzes Symposium Zum kritischen Gehalt von Bob Dylans Werk stattfindet, mitveranstaltet vom Institut für Sozialforschung, Adornos alter Wirkungsstätte. "Rockmusik als geschichtliche Erfahrung", "Kulturindustrie als autonome Kunst", "Verweigerung als Messianismus", die Gliederungspunkte wirken allesamt, als stammten sie aus Kleins Thesenvorrat – was nicht verwundert. Er hat den Kongress zusammen mit dem Philosophen Axel Honneth und dem Journalisten Peter Kemper organisiert. Die Freude, Dylan am Originalschauplatz kritisch theoretisch zu präsentieren, ist erkennbar groß, die Frage ist, wie weit der Impetus trägt.