Vogeldialoge, früheste Farben, wartende Bäume. "Zwischen drei und vier Uhr morgens", schreibt der Komponist dazu. Und meint einen Morgen vorm Erwachen der Menschen auch im anderen Sinne. Sie haben die Welt noch nicht betreten. So könnte sie geklungen haben, wie Klarinette, Geige, Cello und Klavier sie hier tönen lassen, zu Anfang des Quartetts für das Ende der Zeiten. So selbstvergessen und sanft, so komplex und absichtslos. Aber es war kein milder zeitloser Morgen, an dem das Werk des 33-jährigen Olivier Messiaen erstmals erklang. Es war der kalte 15. Januar 1941 in einer ungeheizten Baracke des Stalag VIII A in Görlitz. Der Komponist war Kriegsgefangener.

In diesem Lager hat er das Quatuor pour la fin du temps geschrieben, die "Eingebung dazu empfangen", wie Messiaen als gläubiger Katholik sagt. Die ungewöhnliche Besetzung hat damit zu tun, dass außer dem Pianisten Messiaen noch drei weitere Franzosen unter den 5000 Gefangenen exzellente Musiker waren. Ein Geiger, ein Klarinettist, ein Cellist. Dass es überhaupt zur Realisierung des Quatuor kommen konnte, ist einem deutschen Offizier zu verdanken. Karl-Albert Brüll war Musikliebhaber. Er besorgte dem Gefangenen Schreibzeug und Arbeitsraum. Und er bildete mit anderen deutschen Offizieren und rund dreihundert Gefangenen das frierende Publikum der Uraufführung.

Mit dem Titel Das Ende der Zeiten bezog sich Messiaen auf die Offenbarung des Johannes. Dort fällt der Untergang der Welt zusammen mit dem Beginn der Ewigkeit. Das ist für Nichtgläubige wenig trostreich, doch bei Messiaen hört man, dass Ewigkeit nicht erst am Jüngsten Tag beginnen muss. Sie beginnt bei den Gesprächen der Vögel, setzt sich fort mit dem Regenbogen, der in sanften Akkordwellen des Klaviers schimmert, und sie wird immer menschlicher. Der Vogel, der als Soloklarinette über dem "Abgrund der Zeit" singt, ist ein Melancholiker. Für die "Ewigkeit Jesu" entfalten Cello und Klavier Linien der Sehnsucht in unendlich zärtlicher Langsamkeit. Man muss nicht katholisch sein, um da Liebe zu hören.

Denn hier waltet kein Missionar, sondern ein Musiker, der sich als Subjekt zurücknimmt und Töne existenziell werden lässt. Darum geraten auch vermeintlich überkommene Gesten in neue Gegenwart, und gewagteste Unberechenbarkeiten scheinen Naturgesetzen zu folgen. Metrische Partien stehen schlüssig neben irregulären, zeitaufhebenden Rhythmen, Durakkorde neben solchen, die nur noch Farbe sind. Psychedelische Lichtstöße entschießen dem Engel, der im vorletzten Satz die Ewigkeit ankündigt. Die ist am Ende sinnlich. In der "Unsterblichkeit Jesu" scheint die Geige mit ihren Linien, hierhin, dorthin, verweilend, zurückkehrend, behutsam den Körper eines Menschen zu ertasten. Und keiner friert mehr.

Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du temps
(Philipps, antiquarisch zu haben – es gibt aber ein Dutzend weiterer Aufnahmen im Handel)