»Der Roman weckt eine Neugierde, auf die wir ideal reagieren können«

Reverend Griffith-Jones weiß, dass die Namensgeber seiner Kirche, die Templer, seit den Kreuzzügen derart von Legenden umrankt sind, dass sie kaum einen Ruf mehr zu verlieren haben. Doch die Romanbehauptung, sie hätten ihren Reichtum vom Papst mittels belastender Dokumente erpresst, geht ihm zu weit: »Der Orden war eine der ersten internationalen Banken, die ihren Mitgliedern auch Schutz vor dem Zugriff von Königen boten.« Doch von 1300 an rotteten die englischen und französischen Könige die Templer aus. Alle weiteren Umtriebe der toten Ritter, bedauert der Priester, sind frei erfunden.

Er hat ein Buch über die Rätsel von Dan Brown verfasst, das an der Kirchenpforte zum Selbstkostenpreis von fünf Pfund ausliegt. Darin nimmt er die abstrusen Theorien des Amerikaners teilweise sogar in Schutz. Denn die Romanstory über die unterdrückte Weiblichkeit in der Bibelgeschichte findet Griffith-Jones hoch interessant. »Wer macht denn hier die abenteuerlicheren Behauptungen?«, fragt er angriffslustig. »Das ist doch die Kirche mit ihren Legenden von der Jungfrauengeburt, der Auferstehung von den Toten oder dem Wandeln über Wasser – wer soll das denn glauben, ich bitte Sie!« Für sich selbst genommen, führt der Roman die Leute in die Irre, sagt der Priester: »Aber er weckt eine Neugierde, auf die wir fantastisch reagieren können.«

Andernorts zeigt sich die Kirche nicht so aufgeschlossen. Vom Erzbischof von Canterbury bis zur Kurie in Rom hagelte es Proteste gegen Dan Browns Umschreibung des Neuen Testaments. Der Filmproduzent Sony Pictures schuf prompt eine Website »thedavincichallenge.com« mit Stellungnahmen von christlichen Experten aus den USA – meist jedoch protestantischen Fundamentalisten und Televangelisten, aber kaum Katholiken. Bei den Dreharbeiten herrschte aus Sorge vor Kirchenprotesten höchste Diskretion: Presse wurde nicht zugelassen, das Drehbuch geheim gehalten. Und jetzt soll ein Filmvorspann erklären, was Brown in seinem Buchvorwort noch rigoros bestritt: dass die gesamte Geschichte reine Fiktion ist.

Doch die Geistlichen von Westminster Abbey ließen sich nicht erweichen. Weil der Roman die britische Krönungskathedrale ebenfalls zur Station der Gralssuche macht, ließen die Kirchenoberen anfangs kritische Handzettel am Hauptportal verteilen, erteilten Da Vinci- Fremdenführern Hausverbot und lehnten eine Drehgenehmigung kategorisch ab. So musste Regisseur Ron Howard an die britische Ostküste ausweichen und in der ehrwürdigen, tausend Jahre alten Kathedrale von Lincoln den Originalschauplatz nachstellen – wo zwar kein Gral, aber immerhin die Magna Charta liegt.

Ein Drehverbot auf einem weiteren Höhepunkt der Gralsexpedition in Edinburgh wäre das Ende der 125 Millionen Dollar teuren Kinoproduktion gewesen, in der Stars wie Tom Hanks, Audrey Tautou, Jean Reno und Ian McKellen auftreten. Doch glücklicherweise hat die reale Kirchengeschichte dafür gesorgt, dass der Glaubenskrieg zwischen britischen Anglikanern und schottischen Katholiken kleine Widerstandsnester im Norden hervorbrachte, in denen sich bis heute Mystiker und Heilssucher tummeln – und wo auch der Film am Romanschauplatz gedreht werden konnte: in der legendären Rosslyn Chapel.

Zwischen London und Edinburgh liegen vier bequeme Zugstunden, und der Weg zur Rosslyn Chapel am Rand der schottischen Hauptstadt ist schnell gefunden: immer den Schildern zum Roslin Institute nach, wo Ian Wilmut einst sein Schaf Dolly klonte – und schon ragt unübersehbar zwischen rollenden Hügeln und Meer die berühmte Kapelle auf, die für Heiden, Tempelritter-Fanatiker und New-Age-Spiritualisten seit langem ein Wallfahrtsort ist.