Doch statt der Kirche von 1446 sieht man nur ein riesiges Stahlgerüst mit Blechdach. Das verwitterte Gemäuer wird seit zehn Jahren restauriert. Der Weg in die Kultstätte führt an Simon Beattie vorbei, einem 31 Jahre alten Hünen mit kahl geschorenem Schädel. Er steht im kleinen Museumsshop und verkauft Eintrittskarten, Milky-Way-Riegel, Gipsreplikate der Kapitelle sowie Enthüllungsschriften über Dan Browns Romanirrtümer.

Gäste reißen die Teppiche weg, um den Davidstern zu sehen

Eigentlich ist Beattie ein Bühnenautor, hat aber seinen brotlosen Beruf gegen die Betreuung der Rosslyn-Touristen eingetauscht. Auf den Ansturm der Fantasten reagiert er bereits genervt: »Wir haben schon immer Sonderlinge hier gehabt – die einen suchen das mumifizierte Haupt von Johannes dem Täufer, die anderen wollen die Bundeslade aus den Säulen herausbrechen.« Statt eines Heidentempels war Rosslyn seit der Reformation eine Fluchtburg der Katholiken und wurde von der anglikanischen Kirche sogar als Monument der Papstidolatrie geschmäht; Browns Umdeutung der Kapelle in ein Hauptquartier der Häretiker ist nicht neu, aber trotzdem Unfug. Solche Fantasien rühren freilich von der Pracht der Innenausstattung her. In dem düster-feuchten Langhaus, das selbst im Frühling noch Leichenkälte ausstrahlt, ist kein Fleck der Gestaltungswut der Steinmetze entgangen: christliche Kreuze, Templer-Zeichen, Rankenwerk, Sterne, Lilien, Rosen, Olivenzweige, Tauben und Freimaurer-Schwerter.

Seit dem Roman hat sich die jährliche Besucherzahl auf 120000 verdoppelt – und Simon Beatties Ungemach offenbar ebenso. Denn neuerdings klopfen die Gäste den Boden nach Rittergräbern ab und reißen regelmäßig die Teppiche weg, um den Davidsstern zu sehen, den Dan Brown der Kirche angedichtet hat – als Markierungspunkt des Gralsverstecks. »Es gibt weder den Gral noch den Stern«, beteuert Gästebetreuer Beattie. Er hat sich damit abgefunden, dass seine Arbeit eine dauernde Gratwanderung ist: »Wir freuen uns über die vielfältigen Ansichten der Leute über unsere Kirche, aber wir müssen ihre Spekulationen dämpfen, ohne ihre Neugierde zu verderben.«

Weil aber auch in Rosslyn die Gralssuche leer ausgeht, kehrt die Buch- und Filmreise wieder zum Ausgangsort nach Paris zurück. Dort nämlich, im Louvre, steht des Rätsels Lösung, und zwar auf dem Kopf: die umgedrehte Glaspyramide im unterirdischen Einkaufszentrum Carrousel, wo der wahre Gral in Form des Grabes von Maria Magdalena liegen soll. Der Louvre als Heiligtum eines neuen Matriarchats – kein Wunder, dass das Buch im Museum verpönt ist. Der Direktor der Gemäldeabteilung, Henri Loyrette, sagt ausweichend: »Ich habe meine eigene Meinung zu der Geschichte, aber weil wir die Dreharbeiten genehmigt haben, möchte ich mich zurückhalten. Wenn wir dadurch neues Publikum bekommen – tant mieux.«

Doch die Museumswärter in der Grande Galerie, wo auch die Dreharbeiten stattfanden, schimpfen: »Das bringt uns nur noch mehr Verrückte ins Haus.« Bislang hatten die Aufseher mit Leuten zu tun, die Opfergaben unter ägyptische Statuen legten, vor afrikanischen Skulpturen niederknieten oder lautstark Hieroglyphen entzifferten. Die neuen Da Vinci- Kunden suchen die Mona Lisa nach Geheimkritzeleien ab und fragen sich vor der Felsenmadonna nur eines: Wie kann die Romanheldin das Bild von der Wand heben und fast zerreißen, wo es doch auf einem schweren Holztableau gemalt ist?

Mit den Da Vinci- Besuchern haben die Schnellrundgänge einen neuen Rekord erreicht. Von den 35000 Werken des Louvre nehmen die Gäste nur die Hand voll Gemälde wahr, die der Roman erwähnt. »Wir werden aufgefressen vom Expresstourismus«, klagt Geneviève Bresc von der Skulpturenabteilung. Doch weil der Louvre ein Drittel seines Jahresetats selbst erwirtschaften muss, hat man den neuen Massenandrang akzeptiert. 2005 kamen insgesamt 7,3 Millionen Menschen in das größte Museum der Welt, eine halbe Million mehr als im Vorjahr – vielleicht nicht alles Dan-Brown-Fans, aber vor allem Amerikaner. Entnervt von deren Anfragen, ob die Zahl der Scheiben in der gläsernen Eingangspyramide tatsächlich 666 betrage, jene satanische Zahl aus der Apokalypse, wie Dan Brown behauptet, hat die Presseabteilung des Louvre eigens nachgezählt: Es sind 673 Scheiben.