Gerd Bucerius war längst erwachsen, als der erste Demokratieversuch der Deutschen in den Jahren 1930 bis 1933 schmählich in sich zusammenbrach. Demnach hat er die zwölf Jahre der verbrecherischsten Epoche der ganzen deutschen Geschichte als ein urteilsreifer Mann erlebt – und erlitten. Jene grässliche Zeit der größten Verirrung und Verwirrung Deutschlands hat ihn zu einem politisch bewussten Patrioten werden lassen. "Wer keine Geschichte hat, der hat kein Vaterland", so hat er später einmal gesagt und hinzugefügt: "Wer sein Vaterland nicht trotz seiner Missetaten achtet, wer sich zu diesen Missetaten nicht ebenso bekennt, wie wir Kant und Beethoven für uns in Anspruch nehmen, mit dem will ich nichts zu tun haben."

Viele Deutsche haben erst durch Richard von Weizsäckers bahnbrechende Rede am 8. Mai 1985 begriffen, dass die Niederlage Deutschlands eine Befreiung gewesen ist – Bucerius hat das bereits 40 Jahre zuvor gewusst. Es war ihm ganz selbstverständlich. Zugleich war ihm selbstverständlich, dass jedermann verpflichtet war, zum geistigen und zum materiellen Wiederaufbau des Landes beizuhelfen. Er selbst hat dazu als Politiker, als Verleger, als Autor und als Unternehmer beigetragen. Er hat auf mehreren Feldern gleichzeitig gearbeitet. Dabei war er zunächst stärker in der Politik, später stärker als Verleger engagiert. Er hat zum Aufstieg des sterns, des Handelsblattes und der Wirtschaftswoche beigeholfen. Aber Henri Nannen hatte Recht, wenn er – nach heftigen Streitereien mit Bucerius – festgestellt hat: "Mit all seiner Hartnäckigkeit stand Bucerius am Ende nur hinter einer Sache, das war das Schicksal der ZEIT."

Als ich Bucerius 1949 kennen lernte, war er bereits Bausenator in Hamburg gewesen; er war beteiligt gewesen an der Begründung der ZEIT – jetzt aber war er Mitglied des ersten gewählten Bundestages. Er kümmerte sich (in Kanzler Adenauers Auftrag) um das wirtschaftliche und politische Wohlergehen der Inselstadt West-Berlin, genauso aber auch um den Wiederaufbau einer deutschen Handelsflotte.

Während acht Jahren habe ich ihn im Bundestag als gegnerischen Kollegen erlebt. So wie er zu Zeiten Hitlers, den er verachtete, großen Mut gehabt hat, ebenso hat er zu Zeiten Adenauers, den er hoch verehrte, Zivilcourage bewiesen. So gegenüber dem Kanzler, so gegenüber der eigenen Partei CDU. So auch gegenüber einer von Strauß angestifteten Bundesanwaltschaft, die den Spiegel lahm legen wollte. Er war einerseits von unruhigem Temperament; oft warnte er vor kommenden Gefahren, die später nicht eingetroffen sind. Andererseits blieb er ganz unwandelbar geistig unabhängig. "Tun zu müssen, was andere sagen, ist mir mein Leben lang unerträglich gewesen", hat er einmal bekannt. Bucerius war ein Neuerer und in seinen eigenen Werten zugleich ein Konservativer. Er war zugleich streitbar und zugleich liberal – und stets tolerant gegenüber anderer Meinung, wenn sie denn plausibel begründet war.

Ein Vierteljahr nach meinem Ausscheiden aus dem Regierungsamt lud Bucerius mich ein, Marions Kollege als Herausgeber der ZEIT zu werden. Sein Brief vom Silvester 1982 kennzeichnete seine Toleranz: "Ihre Meinung wird nicht oft die der ZEIT sein, das entspricht der Übung. Es gilt auch – vielleicht noch mehr –, wenn ich schreibe. Wir sind alle Überzeugungstäter mit Respekt vor der Meinung des anderen, Meinungsverschiedenheiten werden oft schmerzhaft ausdiskutiert; persönliche Differenzen kann es danach nicht mehr geben." In dieser Haltung hat Bucerius das Schiff der ZEIT geleitet.

Er hat sich oft mit Marion Dönhoff, mit Theo Sommer und mit anderen Redakteuren gestritten. Zugleich aber hat er drei Jahrzehnte lang mit seinem anderweitig verdienten Geld das Blatt über Wasser gehalten. Oft genug hat er einem in der ZEIT erschienenen Artikel in der folgenden Ausgabe seine eigene Meinung entgegengesetzt. Zwar hat er jeden seiner Journalisten seine begründete Meinung schreiben und drucken lassen; gleichwohl hat er seine Journalisten ermahnt, nicht von ihrer Meinung auszugehen, sondern vielmehr den Leser instand zu setzen, sich seine eigene Meinung zu bilden.