Begegnungen mit Gerd Bucerius waren stets voller Überraschungen und anekdotenträchtig, so war es schon bei der ersten Begegnung – zehn Jahre vor meinem tatsächlichen Wechsel nach Hamburg. Kaum auf der Terrasse am Leinpfad zum Vorstellungsgespräch angekommen, schießt "Buc" seine erste Frage ab: "Sagen Sie, Herr Leicht, waren Sie eigentlich schon einmal im Gefängnis?" - Seit wann, dachte ich mir, ist das Einstellungsvoraussetzung bei der ZEIT? - "Sie wollen doch als Jurist auch über Strafrecht und Prozesse schreiben. Und da wissen Sie gar nicht, wo die Leute landen, die verurteilt werden?" – Man lernt eben durch das Leben, und nicht nur durch die Schule!

Ein paar Jahre später gab es wieder einmal eine der traditionellen Redaktionskrisen am Speersort. Die Süddeutsche Zeitung, mein damaliger Arbeitgeber, schickte mich an die Elbe. Erstes Recherchegespräch morgens um halb neun bei Gerd Bucerius. Er beginnt das Gespräch wieder mit einer verblüffenden Frage: "Was halten Sie eigentlich von Gräfin Dönhoff?" - Wild entschlossen, das bereitgehaltene Glatteis zu meiden, antworte ich, ich sei gekommen, Auskünfte einzuholen, nicht welche zu geben. - "Na, dann will ich Ihnen etwas sagen: Eine hervorragende Journalistin, wenn man bedenkt, dass sie eigentlich nicht schreiben kann." – Was sich wie eine kühne Provokation ausnimmt, war im Grunde ein bewegendes Kompliment: Nur was man existenziell zu sagen hat, macht den großen politischen Journalisten aus, nicht aber, wie er es anstellt, mit welchen raffinierten professionellen Kunststückchen.

Am Dienstag, dem Redaktionsschlusstag, nach dem Börsencrash vom 19. Oktober 1987. Bucerius taucht unversehens im Zimmer des politischen Ressortleiters auf. Man solle das Blatt möglichst lange offen halten, wer wisse schon, was da noch alles passieren könne. In die besorgte Unterhaltung mischte ich die Frage ein: "Aber Sie, Herr Dr. Bucerius, sind doch rechtzeitig rausgegangen aus dem Dollar?" – "Gewiss doch, aber etwas zu früh!" – Wilder Wagemut und intelligente Vorsicht machte den Mann aus.