Sie verwirren den Betrachter, sind innen goldgelb, außen silbrig. Das Gewicht: die gewohnte Euro-Schwere. Der Türkei-Urlauber kennt sie, der Zigarettenautomat verschmäht sie. Schon empören sich ganze Internet-Foren über die neuen türkischen Lira-Münzen, seit Januar verbindliches Zahlungsmittel im Land. Weil das neue Hartgeld allzu leicht verwechselbar ist, erregt es Unmut. Das 1-Lira-Stück ähnelt dem 2-Euro-Stück, die 50-Kuruş-Münze der 1-Euro-Münze. Die türkischen Silberlinge sind aber nur rund ein Viertel ihrer EU-Pendants wert. Ein Unterschied, der Betrüger ermuntert, fürchten Branchenkenner. Urlaubsheimkehrer könnten versuchen, Lira an die Marktfrau oder den Parkscheinautomaten zu bringen. Einige Sparkassen warnen via Homepage ihre Kunden. Warenhauschefs stellen Vergleichsbilder neben die Kasse. Ob in Bäckereien oder Supermärkten – vielerorts klagen Kunden über Fremdmünzen im Wechselgeld.

Auch Mitarbeiter der bayerischen Landesregierung fanden unvermutet Kuckucks-Euros in ihren Geldbörsen. Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU) nutzte die Chance, ein Servicethema abseits von Gammelfleisch und Vogelgrippe zu lancieren. Er verwies auf "Euro-Doppelgänger", die den Gegenstücken "zum Verwechseln ähnlich" sähen, und riet: Schauen Sie genau hin beim Einkauf. Denn die Banken nehmen Lira-Münzen nicht an. Sie tauschen sie auch nicht um.

Einer immerhin hält das Problem für überschätzt. Peter Lind vom Bundesverband Deutscher Tabakwaren-Großhändler und Automatenaufsteller behauptet, die Branche sei rechtzeitig informiert worden. Und so einfach lasse sich ein deutscher Qualitätsautomat nicht überlisten: "Die Münzprüfer in den Geräten sind intelligent. Sie können dazulernen. Wir mussten ihnen nur die Daten der neuen Münzen einprogrammieren." Denn physikalisch gesehen, unterscheiden sich die Geldstücke durchaus: Anders als Euros sind die türkischen Münzen nicht magnetisch. Zwar gelingt es dann und wann einer Lira, einen älteren Zigarettenautomaten zu passieren – "Doch das sind Einzelfälle. Sie fallen nicht ins Gewicht", sagt Lind. Ein Problem hat also eher der Normalverbraucher, der nicht genau hinsieht.

Hans Kaltwasser vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband spricht für eine Gruppe, bei der das Lira-Outfit schon für einige Verwirrung gesorgt hat: "Wir haben viele verunsicherte Anrufer gehabt." Vor allem den Sehbehinderten, die sich vom Farbschimmer einer Münze leiten lassen, fällt die Orientierung schwer. Sensible Fingerspitzen hingegen können die Lira-/Euro-Differenzen durchaus ertasten. Der Münzrand offenbart den Unterschied. "2-Euro-Stücke sind außen durchgängig geriffelt. Bei der Lira gibt es kleine glatte Abschnitte." Dass auf der Lira-Rückseite das Atatürk-Konterfei prangt, sei dagegen zur Identifizierung weniger hilfreich. "Es gibt ja auch Euros, auf denen Königshäupter abgebildet sind." Vor allem aber stellt Kaltwassers Verband ein Infoproblem fest: Nur wer weiß, dass Euro-Doubles existieren, fingert nach Details.

Warum aber wählte die Türkei überhaupt ein Münzdesign, das Verwechslungen ermöglicht? Kaltwasser vermutet "eine gewisse Bewunderung für diese Münzen", gepaart mit einem berechnenden Zukunftsblick: "Falls die Türkei irgendwann der EU-Währungsunion beitreten sollte, ist die optische Umstellung nicht so groß." Fachleute führen die Ähnlichkeit auf ein begrenztes Materialangebot zurück. Weil Geldstücke so vielfältigen Anforderungen genügen müssten, beschränke sich die Auswahl auf wenige Metalle und Legierungen. Gabriele Reitz-Werner von der Deutschen Bundesbank sagt: "Deshalb kommt es unweigerlich zu oberflächlichen Ähnlichkeiten" – auch, weil die Bevölkerung nur bestimmte Münzumfänge als griffig empfinde. Experten raten zur Doppelstrategie: Der Kunde soll schauen, tasten, prüfen – oder die Doubletten für den nächsten Türkei-Urlaub einlagern. Cosima Schmitt