Martin Hüfners Buch Europa. Die Macht von morgen beginnt mit einem Liebesbekenntnis: Wenn er in den USA auf geraden Highways Hunderte von Kilometern fahre, überrasche ihn immer wieder, wie sehr sich amerikanische Städte mit ihren Motels, Tankstellen, Steakhäusern und Einkaufszentren glichen. In Europa entdecke er immer neue Orte, wo man anders spreche und das Essen anders schmecke als am Abend zuvor.

Hüfner will das gängige schlechte Image der Europäischen Union (EU) bekämpfen. Der frühere Chefvolkswirt der HypoVereinsbank verteidigt die oft gescholtene und nach dem Scheitern der Verfassung durchgeschüttelte EU vehement. Von den 39000 Gesetzen der rot-grünen Bundesregierung hätten 37000 nur Reformen Europas umgesetzt. Die EU funktioniere, so Hüfner, wie ein Großkonzern: Der Vorstand der Zentrale formuliert die Ziele und wacht darüber, dass sie eingehalten werden. Jeder deutsche Minister verbringe im Durchschnitt die Hälfte seiner Arbeitszeit in Brüsseler Gremien, um über seine Erfolge bei der Durchsetzung von EU-Richtlinien zu berichten.

Mehrfach lobt Hüfner die EU-Kommission, die den Staaten Grenzen setze.

Deregulierung und Privatisierung lobt er, ebenso die Osterweiterung.

Mit einer schier unendlichen Zahl von Argumenten und Fakten entwickelt der Autor die These von Europa als Macht von morgen. Anders als Ende der neunziger Jahre ströme das Geld heute vor allem auf den Alten Kontinent.

Viele Investoren schätzten die hohe Rechtssicherheit in einem vereinheitlichten Währungsraum, das Wachstumpotenzial der Börsen, den Immobilienmarkt, die vielen Privatisierungen. Und so fordert Hüfner am Ende noch mehr Orientierung am britischen Marktliberalismus und eine Stärkung der Regionen.

Was Hüfner übersieht: Europa kann leicht wieder auseinander fallen. Er selbst schreibt, dass in Osteuropa der Bankensektor zu zwei Dritteln in der Hand westlicher Kreditinstitute ist, der Energiesektor von Westkonzernen dominiert wird, die Handelsbilanzen negativ sind und die Arbeitslosigkeit wächst. Die zunehmende soziale Ungleichheit und die Verarmungstendenzen in weiten Teilen dürften Europa nicht gut bekommen - sie schüren vielerorts Unmut und ein Gefühl der Entfremdung.