Fachwerk für alle! – Seite 1

In Frankfurt gehen die Touristen über den Römer und ich gehe ins Gemalte Haus, in meine Stammwirtschaft. Über das Gemalte Haus (dort gibt es Apfelwein) hört man immer wieder ein Gerücht, das nicht stimmt. Es heißt nämlich, das Gemalte Haus sei sehr beliebt bei den Touristen, etwa im selben Maße wie das Hofbräuhaus in München. Sogar in japanischen Reiseführern sei es verzeichnet, das Gemalte Haus. Ich ahne langsam: Vielleicht konnte das Gemalte Haus ein wirkliches Stück Frankfurt genau wegen dieses Gerüchts bleiben. Man stellt es sich von Japanern nur so überlaufen vor, und in Wahrheit sitzen da fast nur Stammgäste, und eine japanische Reisegruppe kommt nur hin und wieder vorbei und wird von uns bestaunt wie noch zu Zeiten der Familie Hesselbach.

Die Ostzeile des berühmten Platzes vor dem Römer, die sie alle fotografieren, ist eine Kulisse, die extra so aufgebaut worden ist, dass man den oberflächlichen Eindruck eines irgendwie alten Platzes mit irgendwie rustikal-schönen Fachwerkhäusern bekommt. Ob in den Reiseführern erklärt wird, dass dort jahrzehntelang eine Brache war, wo seit zwanzig und ein paar Jahren jetzt wieder Fachwerk steht? Einer Neubauzeile wurde da einfach eine Fassade vorgeblendet und gibt jetzt so ziemlich das berühmteste Bild ab, das Frankfurt zu bieten hat. Und vermutlich glauben Dutzende Millionen Menschen im Ausland, die sich mal drei Minuten über den Römerberg geschleust haben, hier sei Frankfurt am allerechtesten. Ist es ja vielleicht auch, auf seine Weise betrachtet.

Heute sind Stadtführungen nur noch im Konjunktiv möglich

Für mich, Jahrgang 1967, ist das alte Frankfurt sagenumwoben. Es gibt ein paar Farbfilmschnipsel von der Altstadt vor dem Krieg, die könnte man heute vermutlich öffentlich gar nicht mehr vorführen, weil das bei vielen zu einem Nervenzusammenbruch führen würde. Denn Frankfurt könnte, grob gesagt, so etwas sein wie Rothenburg ob der Tauber. Stattdessen wurde es zerbombt und nach dem Krieg rüde restentsorgt, sodass heute Führungen etwa durch das Frankfurt der Goethe-Zeit nur im Konjunktiv möglich sind ("Meine lieben Touristen, stünde hier noch das Haus soundso, könnte ich Ihnen jetzt zeigen, wo der Großonkelhalbbruderschwager unseres berühmten Geheimrats et cetera …").

Das ist nicht das, was ein Tourist haben möchte. Ein Tourist möchte in erster Linie einen kurzen Eindruck haben, und der soll schön sein, und auf den ersten Blick ist immer das am schönsten, was malerisch ist. Nun ist es aber so, dass die Einwohner einer Stadt selbst manchmal zu Touristen werden, und zwar anderswo, und so ist es nicht auszuschließen, dass auch die Frankfurter mal nach Rothenburg fahren oder nach Bamberg, in Städte mit erhaltenen Ensembles auf großer Fläche. Dann sehen die Frankfurter, als Touristen, etwas, was sie selbst, als Frankfurter, nicht haben, aber einmal hatten. Ganz folgerichtig ist in Frankfurt in letzter Zeit ein gewisser Rekonstruktionswille herangewachsen. Neuerlicher Markstein war da die Wiedereröffnung der alten Stadtbibliothek, einer freien Rekonstruktion im klassizistischen Stil, die jetzt weiß am Main steht, auffällig weiß, und das Thurn-und-Taxis-Palais zwischen Hauptwache und Eschenheimer Turm (1952 gesprengt) soll auch neu entstehen, zumindest der Fassade nach. Aber malerisch wäre erst ein richtiges, lauschiges, schönes Fachwerkquartier.

Wer Fachwerk liebt (auch in vorgeblendeter Form), der wird das meistgehasste Bauwerk in Frankfurt noch mehr hassen, nämlich das Technische Rathaus, einen wirklich sagenhaft hässlichen Betonklotz nördlich zwischen Römerberg und Dom. Dieses Technische Rathaus wird abgerissen, es steht genau da, wo früher auch viele dieser kleinen, lauschigen, schönen Fachwerkhäuser standen. Es sollen sich inzwischen ganze Bürgerbewegungen gegründet haben, die fordern, dass da unbedingt kleine, lauschige, schöne Fachwerkhauszeilen hinsollen.

Freilich sind die Fundamente der Häuser, die da noch vor gerade einmal etwa 65 Jahren gestanden haben, inzwischen ganz verschwunden, nicht durch den Krieg, sondern durch eine Tiefgarage. Aber geht es wirklich um historische Fundamente bei der Sehnsucht nach einer Stadt, die so aussieht, wie die Städte aussehen, die die Frankfurter als Touristen vielleicht auch gern besuchen? Eigentlich steckt in der neu entdeckten Sehnsucht nach Fachwerk der Wunsch, der eigenen Stadt endlich auch so gegenüberstehen zu können, wie vielleicht ein japanischer Tourist der Römer-Ostzeile gegenübersteht. Indifferent, aber mit diffusem Wohlgefühl.

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Die Politik denkt darüber natürlich differenzierter. Man will die historische Struktur wieder sichtbar machen, allein weil man sich dessen doch langsam zu schämen beginnt, wie sich Frankfurt nach dem Krieg seinem hier und da noch verbliebenen Stadtbild gegenüber benommen hat. Das heißt, man würde kleine Häuser hinbauen, bei denen man, um sich zu erklären, warum sie da stehen, immer dazudenken müsste, dass sie das alte Weichbild an dieser Stelle nachzeichnen, ohne die Häuser sein zu sollen, die damals da standen. Ein zugegebenermaßen komplexer Gedanke.

Auch daraus würde dann eine Führung im Konjunktiv, und vor allem in Hypotaxen: Hätte Frankfurt (so könnte zukünftig ein Stadtführer erläutern) an dieser Stelle nicht einen Betonklotz abgerissen, der früher die historische Struktur des Quartiers nach dem Krieg unsichtbar gemacht hatte, dann könnten Sie, verehrte Besucher, jetzt nicht sehen, dass hier Häuser stehen, die früher zwar nicht hier gestanden haben, die aber die historische Struktur des Viertels, wie es vor dem Betonklotz einmal war (obgleich sie jetzt nicht mehr so ist), wieder sichtbar machen, wodurch die historische Struktur, die sichtbar gemacht werden soll, gar nicht mehr historisch ist, sondern wieder zeitgenössisch (denn sie ist ja wieder da) und eine andere historische Struktur, die der Klotzbebauung, zwar entfallen musste, was aber wiederum darin aufgehoben ist, dass die alten Häuser ja nicht mehr stehen, denn man hat sie ja wegen des Klotzes endgültig beseitigt. Uff.

Das überfordert schnell. Man will doch sitzen, man will doch Apfelwein trinken, man will doch nicht, dass Frankfurt kompliziert ist. Das soll man mal den auswärtigen Touristen auf dem Römerberg erklären, die würden in Scharen davonlaufen und die Meinung zurückbehalten, dass die Frankfurter wohl gern ziemlich seltsame Dinge reden.

Ein zweiter Weg, ebenso authentisch: Man hätte die neue, durch sich selbst ja ebenfalls "echte" Struktur des Platzes des Technischen Rathauses bewahren und zugleich durch die Fassade sichtbar machen können, was hier früher gestanden hat. Man hätte dem Technischen Rathaus, wie es dasteht in seiner ganzen Pracht (es überragt die umliegenden Häuser um ein Vielfaches), einfach in echt Frankfurter Art eine Fachwerkfassade vorblenden sollen, nach allen Seiten, das wäre historisch ebenso aufrichtig gewesen und hätte Frankfurt wahrscheinlich auf einen Schlag weltberühmt gemacht.

Das Technische Rathaus ist hässlich, ja. Aber stört mich das?

Vielleicht wäre den Frankfurtern dann etwas mulmig geworden, Apfelwein zu trinken mit einer Fachwerkwand im Rücken, die um die einhundert Meter lang ist, aber mochten die Pariser anfangs ihren Eiffelturm? Man könnte das Frankfurter Fachwerk schon im Anflug aus zwanzig Kilometer Entfernung erkennen. Ja, es könnte ein Wahrzeichen der neuen Republik werden, ein neues Neuschwanstein.

Neulich wurde ich im Gemalten Haus angesprochen, wie ich mir denn selbst die Bebauung des Geländes vorstelle. Ich konnte darauf keine Antwort geben, da ich keinerlei Meinung dazu habe. Ich sagte, dass ich nicht einmal auf den Gedanken gekommen wäre, das Technische Rathaus abzureißen. Ja, wurde ich gefragt, ob ich es denn nicht hässlich finde? Ja, sagte ich, schon, aber es hat nie gestört. Das konnten die Leute am Tisch gar nicht fassen.

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Ich kann mir den Fachwerkkubus Römerplatz Nord vielleicht sogar wirklich vorstellen. Er hätte einen unabdingbaren Vorteil. Wenn alle die, die wollen, dass etwas so ist, wie es nicht ist, aber vielleicht sein soll, weil es mal so war oder gerade nie so war, wenn alle die dann auch da hingehen und bleiben, um dort ihren Apfelwein zu trinken, dann habe ich im Gemalten Haus auf immer meine Ruhe vor ihnen, so wie ja jeder Frankfurter durch die Römerzeile Ost im Grunde Ruhe hat vor den Touristen, die sich auf dem Römer immer zielgenau da versammeln, wo die Frankfurter sowieso nicht hingehen. Und weil das Gemalte Haus in Sachsenhausen liegt, würde man von da aus den Kubus überhaupt nicht sehen, man wäre dort ganz ungestört von ihm (wie man überhaupt im Gemalten Haus von vielem ungestört ist).

Zu erzählen wäre noch die Geschichte der Muse Thalia. Die prangt heute, als sei sie schon immer da gewesen, auf dem Giebel der Alten Oper. Dort ist sie aber erst nach dem Wiederaufbau der Kriegsruine draufgesetzt worden. Einstmals schmückte sie die Jugendstilfassade des alten Schauspielhauses (ein anderes Gebäude an einem anderen Ort). Das wurde 1960 abgerissen, und wie so vieles damals in Frankfurt, so verschwand auch die Muse mit ihrer Panterquadriga und geriet fast völlig in Vergessenheit. Ein Journalist entdeckte sie Jahrzehnte später auf einem Schrottplatz. Jetzt steht sie wieder da, und auch noch an einer der präponiertesten Stellen in Frankfurt. Sie ist das Symbol dessen, was das wahre Frankfurt ist: vom Schrottplatz an die erste Stelle und dann vielleicht auch wieder weg und ab in den Müll, je nachdem, wer weiß. Und so wiegt sich die Stadt durch die Wogen der Zeit, mal auf und mal ab.

Andreas Maier ist derzeit zu Gast in der Villa Massimo, Rom. Zuletzt erschien von ihm "Kirillow" (suhrkamp)