Ein noch schlimmeres Ausmaß haben allerdings die neuesten Vorwürfe, die Förster gegen den BND erhebt: Der Nachrichtendienst habe bis in die jüngste Vergangenheit Telefonate von Reportern abhören lassen – was ein eklatanter Verfassungsbruch wäre. "Wenn es zum Beispiel Hinweise darauf gab, dass ein Journalist einen internen Vorgang des Dienstes recherchierte, wurde auch sein Telefonanschluss überwacht, um Informationen über mögliche Quellen zu erlangen", zitiert Förster einen namentlich nicht genannten BND-Beamten. Die Pressestelle des Bundesnachrichtendienstes hat die Meldung umgehend dementiert. Auch im Schäfer-Bericht, den das PKG in Auftrag gegeben hatte, sollen sich keine Hinweise auf technische Überwachungen finden.

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass der BND eine Wahrheit dementiert. Und auch den aktuellen Skandal brachten am Anfang Presseberichte ans Tageslicht. Organisatorisch zu verantworten gehabt hätte die Lauschangriffe der damalige BND-Präsident August Hanning (1998 bis 2005). Er ist heute Staatssekretär im Innenministerium.

"Nach allem, was wir heute wissen, halte ich es für ausgeschlossen, dass unter Hanning irgendetwas in Richtung Journalisten gelaufen ist", sagte der damalige Geheimdienstkoordinator und heutige BND-Chef Ernst Uhrlau der ZEIT im November vergangenen Jahres. Da war gerade der Nukleus der heutigen Affäre bekannt geworden – ein BND-Observationsteam hatte den Buchautor Erich Schmidt-Eenboom und den Focus -Redakteur Josef Hufelschulte in den neunziger Jahren bis ins Privatleben hinein beschattet. Schon jetzt steht fest, dass Uhrlau irrte. Bloß: Was genau war das "Irgendetwas", das unter Hanning in Richtung Journalisten lief?

Kollegen-Bespitzelungen, sicher, sie zählen zu "operativen" Missetaten. Aber wo genau beginnt die unmoralische Kooperation mit Nachrichtendienstlern? Wo endet der unverfängliche Austausch unter Aufdeckern und Whistleblowern? Ab wann sind Journalisten der verlängerte Arm der Geheimdienste? Seit dem 11. September 2001 steigt die Nachfrage nach "internen, streng vertraulichen Dossiers" als vermeintliche Gütesiegel auf Presseberichten. Reporter rangeln um die spärlichen Zugänge zu den Masterminds des BND. Andererseits stehen auch die Sicherheitsbehörden unter enormem Erfolgsdruck. "Lecks" können für Agenten lebensgefährlich sein – neue Erkenntnisse hingegen die Karriere befördern. Und warum nicht mal bei "Freund Presse" anklopfen?

Wer sich umhört, dem berichten Journalisten-Kollegen schnell von "Antestversuchen" der Sicherheitsszene. Da ist der Reporter, der gefragt wird, ob er nicht einen Aussteiger aus der Islamistenszene "vermitteln" könne. Da ist der Kollege, der am Ende eines langen Hintergrundgesprächs gefragt wird, ob er auch genug verdiene in seiner Redaktion. Schmeichelhafte Vertrauensbeweise, einerseits. Massive Angriffe auf die Unabhängigkeit der Presse, andererseits. Nicht jeder widersteht solch charmantem Drängen.

Erwin Decker zum Beispiel. Er hat sich auf zahlreiche Händel mit dem BND eingelassen. Jetzt steht er als schwarzes Schaf im Schäfer-Bericht. "Ich muss mich jetzt wohl mit Bosch melden", sagt Decker am Satellitentelefon aus dem Irak. "Bosch" war der Deckname, den ihm Beamte des BND Anfang der neunziger Jahre verpassten. Damals arbeitete Decker als Redakteur beim Focus, Spezialgebiet Sicherheitspolitik. Heute tourt der 51-Jährige mit einem Campingbus durch den Nordirak, ausgestattet mit Stromgenerator und High-Tech-Handy. Als Kriegs- und Krisenreporter berichtete Decker unter anderem für den Tagesspiegel, das Handelsblatt und die Frankfurter Rundschau. Aus reiner Rach- und Eifersucht, wie er heute eingesteht, habe er ab 1994 seinen Redaktionskollegen Josef Hufelschulte beim BND angeschwärzt.

Alles begann, als Decker Anfang der neunziger Jahre Focus-Korrespondent in Frankfurt am Main wird und über Organisierte Kriminalität und Geldwäsche berichten will. Es gelingt ihm, Kontakt zu BND-Leuten in den zuständigen Abteilungen aufzubauen. Doch die, schildert er, beginnen erst zu reden, als Decker auch ihnen Hilfe anbietet. "Das Vertrauen war erst da, als ich eine Geschichte bringen wollte, von denen die noch nichts wussten. Es ging um Geldwäsche im Casino von Monaco. Da waren die komplett baff. Sie haben gesagt: ›Können wir mal reden?‹ Da habe ich gesagt: ›Passt auf Leute, wir müssen mal eine andere Grundlage finden für unsere Zusammenarbeit. Jetzt bin ich mal am Drücker.‹"