Ein altehrwürdiges Schulgebäude in der Stadtmitte von Nienburg an der Weser ist derzeit von einem Baugerüst umgeben. Handwerker sanieren das im Jahr 1825 errichtete Haus. Ein Gymnasium wird für die Zukunft gerüstet. Doch unabhängig von den Arbeiten an der Fassade erfuhr das Gymnasium vergangene Woche auch eine innere Wandlung: Die bisherige Hindenburg-Schule wurde in Marion-Dönhoff-Gymnasium umbenannt.

Die Aula ist mit Blumen geschmückt, das Bläserensemble der Schüler glänzt mit Beethoven, und Rektor Eckhard Hellmich spricht davon, dass es nach dem Streit um den neuen Namen nun darum ginge, tolerant miteinander umzugehen, ganz im Geiste von Gräfin Dönhoff.

Genau genommen, ging der Streit weniger um den neuen als um den alten Namen Hindenburg-Schule, verliehen 1927. Da war der Generalfeldmarschall a. D. zwei Jahre als Reichspräsident im Amt. Es sei dahingestellt, wie in fast 60 Jahren Bundesrepublik eine Schule nach einem erklärten Anti-Demokraten benannt bleiben konnte. Doch verwundert der Widerstand, den Teile der städtischen Honoratioren der Umbenennung entgegensetzten. Die CDU initiierte eine Umfrage in der Einkaufsstraße, wo sich nicht wenige Bürger für die Erinnerung an den Sieger von Tannenberg verwandten. Wir sehen für die Umbenennung keinen Anlass, verkündet Ralf Weghöft, Fraktionsvorsitzender der Union im Stadtrat: Übrigens war Hindenburg, im Gegensatz zu heutigen Bundespräsidenten, demokratisch vom Volk gewählt worden!

Der deutsche Chefstratege an der Ostfront ist für viele noch ein Mythos - an dem aber schon die junge Komtesse Dönhoff wenig Würdevolles entdecken mochte: Er war groß und schwer, ging steif mit merkwürdigen kurzen Schritten und glich mit seinem Schnurrbart eher einem Nußknacker ... als jenem göttergleichen Helden meiner Vorstellung.

Nun hat sich also die Gesamtkonferenz der Schule aus Kindern, Eltern und Lehrern sowie der Stadtrat mehrheitlich für den Namen der langjährigen ZEIT-Herausgeberin entschieden. Dass der Namenspatron einer Schule keine unnahbare Figur aus der fernen Geschichte sein muss, darüber erzählt Dönhoffs Großneffe Friedrich in seiner Festansprache. Er verrät, wie die fast 80-jährige Gräfin mit ihrem Porsche über die Hamburger Elbchaussee donnerte, an gelben Ampeln extra Gas gab und sich bei ihrem auf dem Beifahrersitz nervös hin- und herrutschenden Großneffen nach den neuesten Kinofilmen erkundigte. Die Gymnasiasten sind begeistert.