Es gibt auch eine Maßlosigkeit der Nähe, der Zärtlichkeit, des Vertrauens. Und es gibt eine Musik, die sich für diese Maßlosigkeit nicht schämt: die späten Klavierstücke op. 116–119 von Johannes Brahms. Der Blick auf die Vortragsbezeichnungen verrät viel. Immer wieder taucht das Wort teneramente – zärtlich auf. Und einmal verlangt Brahms vom Spieler ein intimissimo sentimento, allerinnigstes Gefühl also. Diese Stücke, Schutzräume für das Triebleben der Klänge und das Liebesspiel der Hände, zählen zu dem Schwierigsten, was ein Pianist im Konzert spielen kann, weil sie die Öffentlichkeit so rigoros verneinen.

Elisabeth Leonskaja, eine der ganz Großen am Klavier, spielt auf einem alten Steinway-Flügel von 1901. Ein eigentümliches Instrument: Es verfügt über enorme Klangfülle und große Wärme, aber der Ton selbst hat etwas ergreifend Mürbes, Versehrtes. Dabringhaus und Grimm legt viel Wert auf einen natürlichen Raumeindruck ohne Klangfilter. Dieses Konzept ist anfechtbar, wo es sich gegenüber den Werken verselbstständigt. Die späten Brahms-Stücke hätten weniger Hall vertragen, sodass man ihnen mit dem Ohr näher kommen könnte.

Leonskaja aber hat sich in diese Stücke eingehaust, sie zu ihrer zweiten Haut gemacht. Im b-Moll-Intermezzo op. 117 Nr. 2 bindet sie im Diskant die Noten wie vorgeschrieben über den Taktstrich hinweg, spielt den Bass aber sehr kurz. So entsteht eine Bewegung des Hinkens mit stechendem Schmerz, immer wenn der Fuß den Boden berührt. Im a-Moll-Intermezzo op. 118 Nr. 1 und in der g-Moll-Ballade op. 118 Nr. 3 bricht die Musik unbeherrscht los. Kränkungen, Verbitterungen, verpasste Chancen – alles kommt noch einmal hoch, unwirsch, doch schon welk. So klingt absolute Musik, der ein Leben – mit allem Schmutz – zu tragen nicht peinlich ist.

Leonskaja hält sich nicht immer streng an Brahms’ Anweisungen, aber sie überzeugt. Das poco animato im A-Dur-Intermezzo op. 118 Nr. 2 ignoriert sie. Es herrscht die Ruhe dessen, der weiß, dass er keine Zeit mehr hat, den keine Erwartungen und Hoffnungen ungeduldig machen: »Es ist Herbst. Halt still, wenn das Glück dich bewohnt. Bald wird es kalt«. Über dem Stück steht: Andante teneramente. Die Rubrik Musik auf ZEIT online ist für den Grimme-Online-Award nominiert. Geben Sie hier ihre Stimme ab » BILD

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Johannes Brahms op. 116–119
Elisabeth Leonskaja, Klavier (Dabringhaus und Grimm MDG 943 1349-6)