Plötzlich greift er nach unten, holt seine goldene Trompete hervor und spielt mit dem Kollegen der Wildecker Herzbuben Herzilein im Duett. Die Talkshow schmunzelt und staunt. Till Brönner versichert Herzilein so im Ohr zu haben, dass er es jederzeit … Da beginnt der Wildecker Herzbube Mackie Messer zu spielen – und Brönner improvisiert die traditionellen Verzierungen dazu. Es ist der Moment, da die Augen der NDR-Talkshow- Gäste zu leuchten beginnen: Ungeprobt! Spontan! Das perfekte Handwerk und voller Lebensfreude – that’s jazz! Till Brönner, 35, hat schon mit 20 Jahren bei der Rias Big Band gespielt BILD

Till Brönner ist Deutschlands Jazz. Welchem jüngeren Jazzmusiker – abgesehen vom alterslosen Helge Schneider – würde es gelingen, in eine Talkshow eingeladen zu werden? »Einer der weltbesten Trompeter« (Moderatorin), nominiert für den Grammy und den Deutschen Filmpreis (mit der Musik zum Film Höllenfahrt), hoch geschätzter Produzent von Hildegard Knefs letzter Platte, von Manfred Krug und den No Angels gebeten, von Roger Willemsen ob seiner »dringlichen musikalischen Mitteilung« gelobt. Auch beim Talk muss man ihn schon nach wenigen Minuten gern haben. Vom katholischen Gymnasium, in dem er zusammen mit Stefan Raab eine Sakropop-Band leitete, erzählt der 35-Jährige ebenso unverkrampft wie von seinem Bundeswehr-Trompeten-Unterricht oder der Verehrung für die späte Knef, die ihm auch Ratschläge in Liebesdingen gab und der er zum Abschied ein Lied am Grab spielte.

Und doch spaltet Till Brönner seit rund zehn Jahren die heimische Jazzöffentlichkeit. Es ist nicht der zerstörerische Neid der Deutschen auf alles grenzüberschreitend Erfolgreiche, der den Trompeter verfolgt, sondern Unmut über den zwiespältigen musikalischen Gestus des dunkeläugigen, schönen Mannes, der Jazz sagt und Pop meint. Es regnet im Video zum neuen Album, und während er Nick Drakes River Man singt, wird das Sakko nass, auch das T-Shirt, selbst die Trompete tropft, und Regen rinnt ihm von der Nase – das Klischee des einsamen Grenzgängers schlägt jeden Werbespot.

Er ist Deutschlands größte Jazz-Hoffnung

Nicht zufällig trafen Anfang der neunziger Jahre die triumphale Rückkehr der Jazzsängerinnen, die Kanonisierung der großen Musiker in Form von edlen Wiederveröffentlichungen mit der Wiedergeburt des Jazz aus dem konservativen Geist des amerikanischen Mainstream zusammen. Die schwarzen Traditionalisten um den Ideologen Stanley Crouch und den Trompeter Wynton Marsalis erklärten die letzten zwanzig Jahre des modernen Jazz zum Irrweg und dockten in ihrem Musikverständnis direkt an Louis Armstrong und Duke Ellington an. Der aufregende Jazz, wie ihn das 20. Jahrhundert kannte, wurde wieder einmal für tot erklärt, der Rest war museal verpackt, in esoterische Zirkel verbannt oder in Jazzschulen und staatlich subventionierten Rundfunkorchestern unter Artenschutz gestellt. Vor diesem Hintergrund erschien der junge Mann, 1971 in Viersen geboren, 1986 Gewinner bei »Jugend jazzt«, geschult in der renommierten Peter Herbolzheimer Big Band und bereits mit 20 in Lebensstellung bei der Rias Big Band. Der Mann bündelte Deutschlands Hoffnung auf eine glänzende Jazz-Zukunft. Sein einziges Manko: Er spielte hervorragend Trompete, wusste aber nicht, wohin mit dem Gold seines Talents. Till im Glück.

In Brönner personifiziert sich die Janusköpfigkeit des Jazz. Als er sich entschließt, die Pensionsberechtigung beim Rundfunkorchester aufzugeben und sich dem freien Markt anzuvertrauen, setzt er zwei Prämissen. Er muss populär werden, um Geld zu verdienen, und er muss seine Persönlichkeit finden, also seinen eigenen, unverwechselbaren Ton. Der Versuch wird zur Geschichte der letzten zehn Jahre: Welcher Schritt kommt zuerst, und wie oft darf man dabei stolpern? Till Brönner: »To you – the audience« oder »Sich selbst ganz nahe sein«.

Wenn jetzt die ersten Töne des neuen Albums Oceana durch die lauen Maiabende wehen, darf man feststellen, er hat beides geschafft: sich selbst zu spielen und dem Publikum zu geben, was es (bezahlen) will. Weiche, warme Töne, gedämpft und doch klar gesetzt, Melodien, die aus Kopf und Herz zugleich kommen. Entspannt hält die amerikanische Rhythmusgruppe das melancholische Maß, die Akkorde der Hammondorgel schweben, der Gitarrist zupft zart und freundlich an der Stimmung, die gehauchten Trompetentupfer legen sich über Standards und Songs. Diesmal hat es ihn nach Hollywood gezogen, an die sonnendurchflutete Westküste des Jazz, in die musikalische Heimat Chet Bakers und Bud Shanks, dorthin, wo Geld und Gefühl noch nie als Widerspruch empfunden wurden. Da wirkt es ganz natürlich, wenn sich das Exmodel Carla Bruni mit Leonard Cohens In My Secret Life aus Paris dazwischenschiebt, Madeleine Peyroux zu Till Brönners gestopfter Trompete I’m So Lonesome I Could Cry singt und Luciana Souza mit Edu Lobos Bossa Prá Dizer Adeus plätschert. Ein Instrumental, ein Song, ein Instrumental, ein Song der Liebe und der Meereswellen.