Der Sozialismus lässt sich, je länger er zurückliegt, desto schwerer überwinden. Bei der Verleihung der deutschen Filmpreise sah es für einen Moment so aus, als entdecke die Bundesrepublik endlich die wahre DDR-Geschichte – und die breite Debatte darüber erreiche ein neues Niveau: Sieben Lolas gewann der Stasi-Film Das Leben der Anderen , obwohl er nicht so sehr von fiesen Spitzeln, sondern von komplexen Repressionsmechanismen handelte. Doch der Jubel wurde sogleich übertönt von Gezeter, und zwar über ein staatliches Gutachten, das die "Aufarbeitung der SED-Diktatur" zum nationalen Anliegen erklärt. Es fordert eine stärkere Vernetzung der Gedenkorte und eine Verwissenschaftlichung des Diskurses – und ist insofern absolut plausibel. Das Gezeter aber erst recht. Denn die Empfehlungen der Expertenkommission, die von Kulturstaatsministerin a. D. Christina Weiss berufen wurde, kommen viel zu spät.

Fast sechzehn Jahre begnügten sich die jeweils Regierenden mit symbolischem Herumkramen in Stasi-Akten, einem schlecht ausgestatteten Bundesarchiv, einer mager bezuschussten Stiftung Aufarbeitung – und verließen sich im Übrigen auf Opferverbände, Bürgerinitiativen, einzelne Historiker, die manchmal von Land oder Kommune unterstützt wurden, manchmal auch nicht. Dank ihnen können jetzt überhaupt so schöne Empfehlungen formuliert werden. Ohne Leute wie Tobias Hollitzer (Leipziger Museum "In der Runden Ecke"), Joachim Scherrieble (Gedenkstätte Marienborn), Hubertus Knabe (Gedenkstätte Hohenschönhausen), Arndt Schaffner (AG Grenzmuseen) gäbe es nichts zu zentralisieren. Es wären historische Quellen verschüttet, Zeitzeugen unbefragt gestorben, innerdeutsche Grenzverläufe nicht mehr rekonstruierbar. Die Aufarbeitungsaktivisten haben das Gras, das ständig über die Vergangenheit zu wachsen drohte, per Hand gemäht. Sie warteten in ungeheizten Bruchbuden auf Besucher. Sie hielten Vorträge vor Schulklassen und bezahlten Verlage für den Abdruck der eigenen Opfergeschichte.

Sechzehn Jahre lang waren sie nützliche Idealisten, kein Wunder, wenn sie sich nun von einer Evaluierungskommission bedroht fühlen. Denn zur Behebung der inkriminierten Aufarbeitungsmängel, die oft erst durch Geldmangel entstanden sind, wird es wohl wieder kein zusätzliches Geld geben. Auf dem Deckblatt des Empfehlungsschreibens steht, dass eine "Überbeanspruchung finanzieller Ressourcen" vermieden werden soll. "Überbeanspruchung" klingt für Gedenkstättenleiter, die jahrelang mit ABM-Kräften arbeiten mussten, während sie auf Knien um eine halbe Historikerstelle bettelten, wie ein schlechter Witz. Aber vielleicht ist die Angreifbarkeit des Papiers sein Vorteil. Es bringt einen neuen Ernst in die Debatte und lässt zutage treten, was von uns allen versäumt worden ist.

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