Es gab eine Zeit, und die ist gerade ein gutes Jahr her, da musste FU-Präsident Dieter Lenzen mitten durchs Sperrfeuer. Dozenten zogen in ihren Vorlesungen über den vermeintlichen Reformunsinn her, Erstsemester maulten über das Kurs-Chaos, und dann funktionierte auch noch diese neue Benotungssoftware nicht. Alles nur, weil Lenzen sich in den Kopf gesetzt hatte, den Diplomabschluss zu eliminieren. Schneller als die anderen. Und den Magister gleich dazu. Und das Staatsexamen. »Das Konzept der FU als internationale Netzwerkuniversität« erfordere die Eile, sagte er damals. Immer wieder. Jetzt hat sich Lenzen durchgesetzt. Von 2007 an wird es an der Freien Universität nur noch europaweit gültige Bachelor- und Masterprogramme geben. Drei Jahre vor dem Stichtag. Die Kritiker sind verstummt. Oder sie haben aufgegeben. Der Berliner gefällt sich in der Rolle des Musterschülers: »Wir sind da. Erschöpft, aber zufrieden«, sagt Lenzen vieldeutig.

Doch so außergewöhnlich ist die Leistung des FU-Präsidenten auch wieder nicht. Die Stimmung an Deutschlands Hochschulen hat sich gewendet. Bis vor wenigen Semestern schien es nahezu ausgeschlossen, dass der Totalumbau aller Studiengänge, die größte Hochschulreform der vergangenen Jahrzehnte, tatsächlich pünktlich bis 2010 abgeschlossen sein könnte, wie es Europas Bildungsminister 1998 in der italienischen Stadt Bologna vereinbart hatten. Internationaler, vergleichbarer und transparenter sollte das Studium durch die neuen Abschlüsse werden, dabei schien es lange so, als könnte die ambitionierte Reform am Widerstand vieler Hochschullehrer scheitern. Doch der Bologna-Zug hat Fahrt aufgenommen. Laut HRK ist mehr als ein Drittel aller deutschen Studienangebote bereits umgestellt. Fast 3800 Bachelor- und Masterprogramme gibt es zurzeit, und das ist erst der Anfang: Der entscheidende Schub steht unmittelbar bevor, mehrere große Universitäten werden große Teile ihres Studienangebots bereits zum kommenden Wintersemester umstellen. »Das Wachstum verläuft exponentiell«, sagt Ludwig Voegelin vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das Bertelsmann und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) finanzieren.

So wie vor wenigen Jahren die paar Bologna-Begeisterten als Fanatiker abgetan worden sind, geraten nun die Traditionsbewussten in Erklärungsnot. »Die Ingenieure sind ein wenig zäh, die Mediziner wissen von nichts, und die Juristen wehren sich mit zum Teil ungewöhnlichen juristischen Winkelzügen«, sagt Voegelin. So urteilten die besten deutschen Technischen Universitäten, die so genannten TU 9, im vergangenen Jahr den Bachelor, der das Erststudium auf drei Jahre verkürzen soll, einhellig als »Schmalspur«-Abschluss ab und schworen dem guten alten Ingenieurdiplom ihre Treue (siehe auch Seite 90). Ebenso heftiges Kopfschütteln lösten Bund und Länder mit ihren Doppelstandards aus. Als »krassen Widerspruch« kritisiert der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) das Verhalten der Minister, einerseits die Hochschulen zur Bologna-Begeisterung zu mahnen und andererseits gerade die Staatsexamensfächer nicht oder nur zögerlich umzustellen. Und dann ist da die ewige Bachelorfrage. Ein vollwertiger, berufsqualifizierender Abschluss soll er sein. »Aber sobald der Staat selbst verantwortlich ist, macht er Zicken und stellt nur Leute mit Master ein«, sagt DAAD-Gruppenleiter Sebastian Fohrbeck. »Lehrer-Bachelor oder Jura-Bachelor? Undenkbar!«

Doch während Juristen- und Mediziner-Lobby weiter mauern, fängt die Abwehrfront der TU 9 schon kräftig an zu bröckeln. Der Präsident der TU Darmstadt, Johann-Dietrich Wörner, will jetzt bis 2008 mit der Umstellung fertig sein. Auch seine Beschreibung des Bachelorabschlusses hört sich anders an als noch vor einem Jahr. Eine »Drehscheibe« sei der und ermögliche auch den Berufseinstieg, sagt Wörner. Das gelte sogar für den Bachelor in den Ingenieurswissenschaften. »Aber der Wert der Berufsqualifizierung und des Regelabschlusses bleibt dem Master vorbehalten«, sagt Wörner – und nimmt so nebenher tapfer Abschied vom Diplom. »Wir sollten die Änderung des Brandings jetzt aktiv vorantreiben.«

Zuerst stieg die Zahl der Studiengänge, jetzt folgen die Studenten. Lange Zeit war die Zahl der Bachelorabsolventen verschwindend gering, doch die großen Jahrgänge werden schon in zwei, drei Jahren auf den Arbeitsmarkt treffen, und die ersten Studien zeigen: Der Einstieg scheint zu gelingen. »All die Unkenrufe, sie hätten keine Chance im wirklichen Leben, haben sich nicht bewahrheitet«, sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover. Immerhin 25 Prozent der Bachelorabsolventen mit Uni-Abschluss verzichten auf den Master, bei den Fachhochschülern sind es sogar 50 Prozent: Sie lassen sich lieber von Jobangeboten locken.

»Bachelor welcome« auch bei kleinen Unternehmen

Bei den meisten Arbeitgebern sind die neuen Titel ein Begriff, und das längst nicht nur bei den großen Konzernen, die schon vor zwei Jahren die viel beachtete Initiative »Bachelor welcome« gestartet hatten. Auch die kleinen und mittelständischen Unternehmer warten gespannt auf die Neuen. »Der Bachelor bietet die Chance, einige Studiengänge mal richtig zu entrümpeln«, sagt Ansgar Kaupp, Chef der Hamburger High-Tech-Firma Eye-C mit zehn Mitarbeitern, darunter ein Bachelorabsolvent in technischer Informatik. Bei den Großen klingt das genauso. »Wir machen keinen Unterschied zwischen Diplom und Bachelor«, sagt Anja Flatken von der Shell Deutschland. »Bei uns bekommt jeder eine Chance, der das nötige Talent hat.« Im vergangenen Jahr hat der Konzern in Deutschland im Bereich Betriebswirtschaft 20 Berufseinsteiger eingestellt. Die Hälfte von ihnen waren Bachelorabsolventen.