Eine Novelle gerne, aber eine komplett neue Verordnung? Die meisten Akteure der Bioszene waren ziemlich überrascht, als die EU-Kommission im Dezember ihren Entwurf einer Ökoverordnung vorlegte. Auch Bioland-Vorstand Thomas Dosch, der in Deutschlands größtem ökologischen Anbauverband mehr als 4500 nachhaltig wirtschaftende Bauern vertritt. Die 42 Seiten, die der Kommissionsvorschlag füllt, las Dosch in den Weihnachtsferien. "Ich war perplex", sagt er. Natürlich war ihm klar gewesen, dass die Kommission an der Verordnung arbeitet, schließlich hatten nicht nur Biobauern, sondern auch die verarbeitende Industrie und der Handel seit langem gefordert, die ziemlich komplizierte EG-Öko-Verordnung von 1991 zu überarbeiten. Aber so?

Die neue europäische Bioverordnung, über die vergangene Woche im Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Bundestages diskutiert wurde, hat die Bauern in Aufruhr versetzt. Ursprünglich sollte die neue Regel bis Ende Juni verabschiedet werden. Doch zu groß ist der Widerstand, vor allem in Deutschland. "Wenn das durchkommt, müssten das ganze Rechtsverständnis und die Rechtssprechung in der ökologischen Landwirtschaft, die wir in den vergangenen 15 Jahren erreicht haben, neu erarbeitet werden", kritisiert Bioland-Vorstand Dosch.

Die neue Bioverordnung belässt praktisch nichts beim Alten: So beansprucht die EU-Kommission die gesetzgeberische Gestaltungshoheit in weiten Teilen für sich allein; Kontrollen im ökologischen Landbau sollen nicht länger zwischen Betrieben, privaten Kontrollfirmen und staatlichen Aufsichtsbehörden geregelt, sondern verstaatlicht und auf End- und Stichprobenkontrollen verkürzt werden; eine Fülle von Details – beispielsweise zur Tierbesatzdichte, die regelt, wie viele Rinder, Schweine oder Hühner ein Biobauer auf seinem Hof maximal halten darf – soll erst später in so genannten "Durchführungsbestimmungen" genau geregelt werden, wiederum allein von der Kommission.

Es sind nicht nur die Biobauern, die den Vorstoß aus Brüssel kritisieren. Auch der Deutsche Bauernverband, das Bundeslandwirtschaftsministerium, der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Handel sind wenig begeistert. Die EU-Gruppe der IFOAM, das Organ der europäischen Bioanbauverbände, hält den Kommissionsvorschlag für " gravely inadequate", für gänzlich unangemessen.

Die Liste der Vorwürfe ist lang. Zentrales Thema fast aller Kritiker ist die Verwendung und der Schutz des Biobegriffs. Ganz früher galten nur solche Produkte als sichere Bioware, auf denen das Siegel eines privatwirtschaftlichen Verbands prangte. Erst seit 1991, mit Inkrafttreten der Verordnung, sind die Begriffe "Bio" und "Öko" sowie alle daraus abgeleiteten Bezeichnungen für Bioprodukte reserviert, wenn auch zunächst nur für pflanzliche Lebensmittel. Für tierische Nahrungsmittel gilt diese Regel seit August 2000. Vorher konnten konventionelle Nahrungsmittelhersteller ihre tierischen Produkte ungestraft mit den Begriffen "Bio" und "Öko" versehen; der "Bioghurt", ein Jogurt der Firma Onken, die mittlerweile zum Dr.-Oetker-Konzern gehört, warb jahrelang mit dem Ökoflair, ohne auch nur eine Zutat aus dem biologischen Landbau zu beinhalten. Mittlerweile ist der Bioghurt um einen Buchstaben ärmer geworden und steht als Bighurt in den Supermarktregalen. Dabei dürfte er rein rechtlich noch bis zum 1. Juli 2006 als Bioghurt verkauft werden: Wenn er mit einem klaren Hinweis versehen wäre, dass er nicht nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus produziert wird.