Die ZEIT: Herr Mandelbrot, wie definieren Sie Risiko? Höhenflug mit Absturzgefahr - wie an der Börse© Karsten Uhlmann BILD

Benoît Mandelbrot: Lassen Sie mich mit Definitionen in Ruhe! Die bringen niemanden weiter. Es gibt vorhersehbare und unvorhersehbare Risiken. Wichtig ist es, das Konzept zu verstehen.

Lutz Johanning: Dann versuche ich es eben. Zunächst muss man festlegen, welche Zeitspanne man betrachten möchte. Den nächsten Tag, die nächste Woche oder die nächsten zehn Jahre? Danach muss man sich fragen: Welchen Schaden kann ich in dieser Zeitspanne erleiden? Das bezeichne ich als Risiko!

Mandelbrot: Einspruch! Risiko hat auch eine positive Seite. Stellen Sie sich vor, Sie graben in Frankfurt nach Wasser und stoßen dabei auf Öl: Das ist doch positiv.

Johanning: Das ist kein Widerspruch. Risiko und Chancen sind eineiige Zwillinge. Aber noch mal einen Schritt zurück: Für den Bauern, der die Weizenernte einfahren will, besteht das Risiko darin, dass es zu regnen beginnt und er deshalb den optimalen Erntezeitpunkt verpasst. Das würde den Ernteertrag schmälern. Einen Monat vorher mag derselbe Bauer noch um Regen gebettelt haben, damit der Weizen gut gedeiht. Was Risiko ist, hängt also vor allem vom Ziel des Betrachters ab. Deshalb gefällt mir meine Beschreibung: Risiko ist alles, was einem Schaden zufügen kann.

ZEIT: Und was bedeutet Risiko mit Blick auf die Finanzmärkte?

Johanning: Potenzielle Verluste. Was nicht identisch sein muss mit fallenden Kursen. Wer auf fallende Kurse spekuliert, für den stellen kräftige Kurssteigerungen ein Risiko dar! Schwieriger wird es bei der Einschätzung, welcher Art die Verluste sein werden. Deshalb schlage ich folgende Unterscheidung vor: Es gibt das Risiko des »normalen Geschäftsbetriebs«, also Verluste, die bei gewöhnlichen Märkten eintreten können und die sich relativ einfach mit der so genannten Normalverteilung, also der Gaußschen Glockenkurve, schätzen lassen. Deshalb können Verluste an den Finanzmärkten in 95 Prozent der Fälle als »normales Risiko« eingestuft werden. Und dann gibt es das »außergewöhnliche Risiko«, also Verluste, die in sehr außergewöhnlichen Marktsituationen eintreten. Das muss man mit komplizierteren Modellen abbilden, die über die Normalverteilung hinausgehen. Ist die Wahrscheinlichkeit des Eintretens dieser extremen Risiken höher als normal, modelliert man in den Randbereichen so genannte fat tails.