In einer trostlosen Bergregion in Mittelchina verlassen zwei fröhliche Frauen eine Höhle, über deren Eingang in großen Zeichen »Kaufhaus für modische Kleidung« steht. An einem Nebenarm des Yangzi stehen Dorfkinder bis zur Hüfte in einem sehr kalten Fluss und bieten mit langen Bambusstäben den Passagieren eines vorbeiziehenden Touristenbootes ihre Souvenirs an. Die sechsköpfige Gruppe blinder Geschichtenerzähler wird über einen steinigen Bergpass im Nordwesten des Landes geführt. Von Sonnenbrillen geschützte Gaffer umringen die beiden Opfer eines Verkehrsunfalls. Eine glücklich überforderte Mutter stillt ihre Drillinge. Ein 13-Jähriger hält Andacht, seine Eltern sind an AIDS gestorben BILD
Fünf Motive aus einer Sammlung von fast 600 Aufnahmen aus der Volksrepublik China, die seit vorigem Wochenende im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gezeigt werden. Es ist die Wiedergabe einer Ausstellung, die erstmalig vor drei Jahren in Kanton präsentiert wurde, dann nach Shanghai und nach Peking zog. 250 chinesische Fotografen zeigten damals ihre Arbeiten aus den vergangenen 50 Jahren, den Kuratoren lagen 100000 Werke zur Auswahl vor.
»Humanism in China« nennt sich die Schau – ein Titel mit Sprengkraft
Jetzt ist die Fotoschau mit dem wunderlichen Namen, der auch im Original Humanism in China hieß, auf ihrer ersten Station in Frankfurt gelandet. Weitere Stationen sind Stuttgart, München, Dresden und Berlin, dortige Museen haben wesentlich bei der Expedition der Dokumentaraufnahmen nach Deutschland geholfen. Die Besucher der Häuser werden es den Organisatoren danken. Denn nirgendwo, in keiner anderen zeitgenössischen Ausstellung, wird ein interessiertes Publikum dem gegenwärtigen China, dem Leben eines nach Milliarden gezählten Volkes je näher kommen.
Auf Chinesisch heißt dieser Begriff »Humanism«, der in seiner gängigen Form wohl als blinder und recht einsamer Passagier einer japanischen Schopenhauer-Übersetzung in den Kosmos des chinesischen Denkens gelangte, »Überzeugung vom Menschen als Wurzel«. Wenn Chinesen heute über das reden, was wir im Abendland unter »Humanism« oder Humanismus auflisten, finden sie gewiss ihre eigenen Sprachbilder, in denen Schopenhauer naturgemäß eher eine Nebenrolle spielt. Warum die mutigen Kuratoren der Ausstellung in Kanton dennoch auf diesen Begriff verfielen, lässt sich vielleicht mit zwei einfachen Denkangeboten entschlüsseln: »Humanismus« hat, wie gesagt, den »Menschen als Wurzel«. Entscheidend ist dabei die Vorstellung der Wurzel. Das heute in China eine so viel hellere Verheißung ausstrahlende Wort »Kapitalismus« bedeutet entsprechend: »Überzeugung vom Kapital als Wurzel«.
Jeder Chinese, man verzeihe die Übertreibung, denkt in Zeichen, denkt in der Schrift seiner Kultur. Zwischen »Kapitalismus« und »Humanismus« muss nur ein einziges Zeichen ausgewechselt werden. Mensch gegen Kapital. Das begreift, wer als blinder Geschichtenerzähler über den Bergpass geführt wird, wer Drillinge zu stillen versucht, ja selbst, wer als Gaffer durch seine Sonnenbrille ein Opfer auf der Straße anstarrt. Papa, adé BILD
Die semantische Ballistik des Wortes »Humanism« lässt sich aber auch aus der jüngeren Geschichte der Volksrepublik verstehen. Der »leuchtendste Leuchtturm, der je als Zeichen auf einer chinesischen Leinwand erschien«, wie es 1968 in einem einschlägigen Dokumentarfilm hieß, der Parteivorsitzende Mao also, führte 1964 eines seiner letzten ideologischen Gefechte vor der Kulturrevolution gegen den »Geist des bürgerlichen Humanismus«. Zum freiwilligen oder erzwungenen Sprung über die Klinge wurden damals all jene Intellektuellen gezwungen, die sich vorstellen konnten und auszudrücken wagten, dass Leid, Angst, Gewalt, Freude oder Erbarmen nicht notwendigerweise Ausdruck eines korrekten (oder »falschen«) sozialistischen Klassenverhaltens sein müssen.
In einer trostlosen Bergregion in Mittelchina verlassen zwei fröhliche Frauen eine Höhle, über deren Eingang in großen Zeichen »Kaufhaus für modische Kleidung« steht. An einem Nebenarm des Yangzi stehen Dorfkinder bis zur Hüfte in einem sehr kalten Fluss und bieten mit langen Bambusstäben den Passagieren eines vorbeiziehenden Touristenbootes ihre Souvenirs an. Die sechsköpfige Gruppe blinder Geschichtenerzähler wird über einen steinigen Bergpass im Nordwesten des Landes geführt. Von Sonnenbrillen geschützte Gaffer umringen die beiden Opfer eines Verkehrsunfalls. Eine glücklich überforderte Mutter stillt ihre Drillinge. Ein 13-Jähriger hält Andacht, seine Eltern sind an AIDS gestorben BILD