Eine Nachricht der vergangenen Woche hat die Historiker besonders erfreut: Das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen wird nun endlich für die Forschung geöffnet. Hier sind die Daten von über 17Millionen NS-Opfern gespeichert; das gesamte Material ergäbe, Blatt an Blatt gereiht, über 25 Kilometer – der weltweit größte Bestand zum NS-Lagersystem überhaupt. Doch im Gegensatz zu den Akten der Täter im Berlin Document Center waren die Akten der Opfer für die Geschichtswissenschaft weitgehend unter Verschluss. Nur die Betroffenen selbst oder deren Angehörige durften Einsicht nehmen oder Auskunft verlangen.

An dieser restriktiven Praxis haben viele Zeithistoriker in aller Welt immer wieder Anstoß genommen (ZEIT 21/05). Noch im März dieses Jahres sprach Paul Shapiro, leitender Historiker am Holocaust Memorial Museum in Washington, von einer "Form der Holocaust-Leugnung". Das ist ein unsinniger Vorwurf, dennoch spricht aus ihm der Ärger über eine Archivleitung, die jahrzehntelang jede Zusammenarbeit mit der Wissenschaft verweigert hat, immer unter dem Hinweis, man habe lediglich ein humanitäres Mandat.

Das Arolser Material sollte allein den Überlebenden und Nachkommen der verstorbenen Nazi-Opfer zur Verfügung stehen und dazu dienen, ihre Entschädigungs- und Rentenansprüche zu belegen. Dass dabei mit diesem Material – dazu gehören Firmenpapiere (zum Beispiel "Schindlers Liste"), Totenbücher, Häftlingskarteien, Bescheinigungen von Standesämtern und Gemeindeverwaltungen – nicht immer nach internationalen Archivstandards umgegangen wurde, ist häufig beklagt worden. Tatsächlich arbeiteten in Arolsen kaum professionelle Archivare. Schon aus diesem Grund forderten auch Opferverbände seit langem die Öffnung des Hauses.

Natürlich muss mit den Unterlagen sorgsam umgegangen werden. Ein Großteil der personenbezogenen Einzelinformationen geht auf die KZ-Bürokraten und ihre Einträge zurück, darunter nicht selten frei erfundene Angaben über Haftgründe, über angebliche Erbkrankheiten oder sexuelle Vorlieben. Die völlige Freigabe solch sensibler Daten, etwa über das Internet, verstieße zweifellos gegen die mit Recht strengen Regeln des Persönlichkeitsschutzes, wie sie in der Bundesrepublik Geltung haben.

Der kontrollierte Zugang für die Geschichtswissenschaft ist hingegen uneingeschränkt zu begrüßen. Zwar sind keine "Sensationen" zu erwarten, wohl aber dürfte eine Erschließung des riesigen Materials die Dimensionen des NS-Terrorsystems und die inneren Strukturen der KZ-Wolfsgesellschaft noch plastischer hervortreten lassen. Nachdem sich in den letzten Jahren der Blick immer mehr von den Opfern der Deutschen auf die Deutschen als Opfer verschoben hat, könnte die ausgiebige Nutzung der Arolsener Akten für eine erneute Umkehrung der Perspektive sorgen.